Kino

Arrival

ARRIVAL gehört zu den wenigen großartigen Filmen, die mich nach ihrem Ende nicht mehr verlassen werden.

Das liegt nicht nur an der Geschichte. Von der ersten bis zur abschließenden Sequenz drängt sich der Film dem Zuschauer als außergewöhnlich auf. Die Kameraführung, die Bildgestaltung, die Mise en Scène, die Schauspielführung, die Tongestaltung und Filmmusik — alles ist anspruchsvoll, sprich: auf hohem Niveau. Eindeutig wurde hier ein Film produziert (und mit dem entsprechenden Selbstwert vermarktet), um ihn als Awards-Contender ins jährliche Rennen um Auszeichnungen zu schicken. Für einen anspruchsvollen Stoff legen sich die entsprechenden Gewerke gerne ins Zeug. Und dass die Filmerfahrung nicht enttäuscht, sondern dem Anspruch gerecht wird – das ist die glücklichste Fügung. Es passiert nicht alle Tage.

ARRIVAL hat mich zutiefst bewegt. Und das lag vor allem an der Geschichte.

+++Spoiler+++

Der große Wendepunkt kam für mich, als ich verstand, dass die abgeschlossene Geschichte um Louise Banks Tochter nicht Erinnerung sondern unausweichliche Zukunft ist. Der Film führt uns gekonnt hinter das Licht. Nach ungefähr zwei Drittel des Films ahnt man, dass die Tochter noch ungeboren ist. Durch einen einzigen Dialogsatz gewinnt die Ahnung Sicherheit: „Who is that child?“, fragt sich Louise laut. Die Erkenntnis, Bilder der Zukunft zu sehen und die Trauerarbeit für die noch unbekannte Tochter zu beginnen, gibt ihr die Kraft, Großartiges zu vollbringen.

Der Film hält die Info über den Status der einfühlsamen Zwischenschnitte zurück. Wie macht er das?

*Louises Reaktion auf die wahrgenommenen Bilder wird stillschweigend elliptisch erzählt. Sie spricht mit niemandem darüber.

*Louise als Charakter wird zurückhaltend und zurückgenommen dargestellt. Wir glauben ihr, dass sie emotional eher verschlossen ist und sich niemandem mitteilen möchte. Sie wird kein großes Aufheben um die eigene Gefühlswelt machen.

*Erzählstil: Das Zurückhalten der Information ist kongruent mit dem ganzheitlichen Ansatz der Erzählung, Informationsvergabe streng zu regulieren. Der Zuschauer vertraut der Erzählung, weil von Anfang an die „filmische Erzählstimme“ (énonciation) streng über die Vergabe der Informationen wacht.

Und zuletzt: Mich überrascht, das christliche Leitmotiv des Films, vor allem die Figur Louise Banks. Es tauchen zwölf Raumschiffe auf der Erde auf, die Zahl zwölf erinnert sofort an die zwölf Apostel, aber auch an die im neunzehnten Jahrhundert gezählten Mariannen-Erscheinungen (die z. B. als zwölf Sterne auf unserer EU-Flagge symbolisiert werden). Gleichzeitig spielt die Entscheidung der Mutter, ein Kind zu gebären, dessen Leben und Tod eng mit der Rettung der Menschheit verknüpft ist, eindeutig an Maria an, an die Mutter Jesu. Wie auch Maria weiß die Mutter vorab um das Schicksal ihres Kindes und entscheidet sich trotzdem für das Kind. Man könnte deshalb vielleicht sagen: Das Leiden einer Mutter und ihres Kindes bringt (oder: ist) Hoffnung für die Menschheit.

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Serie

Bodyguard

Großartiger Einstieg, schwaches bis lächerliches Ende. Die Netflix-Serie BODYGUARD überwältigte mich mit Tempo und ihrer Konzentration auf die Persönlichkeit des Bodyguards.

Die britische Serie und der amerikanische Film BODYGUARD mit Kevin Kostner weisen mehrere Gemeinsamkeiten auf. Ich denke, man kann durchaus von einer Geeignetheit von Leibwächtern für ganz bestimmte Story-Tropen sprechen. Manche Erzählmuster drängen sich einfach auf, wenn man eine faszinierende und den Zuschauer ansprechende Leibwächter-Figur schaffen möchte.

Mir sind folgende Gemeinsamkeiten aufgefallen:

* Der Bodyguard agiert professionell, ist jedoch widerwillig, die Schutzbefohlene zu schützen.

* Auch ist ein wesentlicher Wendepunkt der Geschichte, dass der Bodyguard begreift, dass der ehemaliger Kollege sein Widersacher ist. Der Feind lauert in den eigenen Reihen.

* Der Bodyguard beschützt eine attraktive Frau, die nie eine Opferrolle annimmt und auch sich weigert, mit einer Bedrohung zu leben. Die Frau ist auf ihre Art eine starke Persönlichkeit, ist höchst erfolgreich im Beruf und aktiv in der Auswahl ihrer Lover und Gestaltung ihres Sexlebens.

* Die amourösen Verstrickungen mit der Schutzbefohlenen nehmen wesentlichen Raum ein und gehen sogar so weit, den Bodyguard in seiner Persönlichkeit zu erschüttern. Auch die Schutzbefohlene kann sich den neuen Gefühlen nicht entziehen.

* Der gemeinsame Sex vollzieht sich im ersten Drittel der Geschichte. Die Auflösung der Beziehung erfolgt zeitlich unmittelbar darauf.

Fazit: Die Figur des Bodyguards ist umso interessanter, je professioneller sie beim Arbeiten auftritt. Der Bodyguard, auch wenn Film und Serie nach einer Job-Beschreibung betitelt werden, lebt wie jede großartige cineastische Filmfigur von einer Beziehung zu einer anderen Figur, die ihr emotional nahe geht – hier ist es die Beziehung zu einer Schutzbefohlenen, die eigentlich nicht geschützt werden möchte.

+++SPOILER+++

Der Fehler der Serie BODYGUARD ist, dass die Schutzbefohlene zum Midpoint der Serie stirbt. Ihr Ableben hinterlässt in den verbleibenden Folgen eine wahnsinnig große Lücke. Geschlossen wird sie durch Action und Ermittlungsdruck. Das gelingt oft, aber nicht durchgehend. Das Happy-End scheitert und fühlt sich aufgesetzt an. Julia taucht in den letzten drei Folgen einfach nicht mehr auf. Ihr Fehlen zerstört das Versprechen, das in der ersten Folge dem Zuschauer gemacht wurde. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum sich das Ende so aufgesetzt und falsch anfühlt.

Abschließend:Es wäre großartig, wenn sich das Bodyguard-Genre mit dem Spuk-Genre kreuzen könnte. Die Schutzbefohlene kehrt wieder als Geist, der den Bodyguard heimsucht. Kurz: VERTIGO – und James Stewart spielt den Bodyguard. 🙂

Kino

HALLOWEEN von David Gordon Green

Der Kinofilm HALLOWEEN ist ein großartiger Film. Und das sage ich nicht, weil mir seit meiner Pubertät gerne ansehe, wie Teenager auf ästhetische Art und Weise von Maskenträgern aufgeschlitzt werden.

HALLOWEEN überrascht mit der Reduktion auf das Wesentliche: Die Beziehung von Laurie Strode und Michael Myers. Die Beziehung wird nicht umständlich in der Vergangenheit sondern im Jetzt verhandelt: Laurie vs. Michael und sie haben beide Waffen.

Der Film ist ein toller Slasher-Film, der ganz in der Tradition des Genres steht.

Das liegt natürlich zum einen an der minimalistischen Musik Carpenters, die ein schönes Update bekommen hat. Natürlich bewährt sich auch die Regie-Führung, die die Horror-Noten im Stakkato-Rythmus mit maximaler Klangbreite spielt. Nichts wirkt ausschweifend. Die Darsteller, natürlich: die großartige Jamie Lee Curtis, die ich nicht zuletzt seit BLUE STEEL vergöttere.

Und welche Rolle spielt hier das Drehbuch?

Das Drehbuch entspricht nicht den Vorgaben, die gerne Schreib-Gurus predigen. Ereignisse fügen sich oft nicht in eine kausale Kette, Charaktere begegnen sich zufällig und die Nebenhandlungen tragen nicht zum Höhepunkt bei.

Ja, und? Der Film ist trotzdem genial.

Und das liegt zum großen Teil eben am Drehbuch! Gordon Green und Danny McBride haben sich den ersten Halloween-Film zur Vorlage genommen. Carpenters minimalistischer Handstil, die Kamerafahrten, die Einblick geben in die Häuser der amerikanischen Mittelschicht, der normale und zugleich unheimliche Schulweg der Teenager aus den Suburbs, die Flucht durch den nächtlichen Wald usw. — das sind die Elemente, die in diesem Werk heraufbeschworen werden, um eine Slasher-Geschichte zu erzählen, die sich als Fortführung eines Kino-Mythos versteht.

Ich liebe es, wenn sich Filme Grenzen und Regeln setzen können, um Charaktere und Szenen neu und überraschend zu kombinieren. Genau das geschieht hier auf sehr originelle und damit befriedigende Weise.

Absolute Kino-Empfehlung!

Serie

THIS IS US

Serie

Berlin als Babylon

Ich habe gerade die erste Folge der Serie BERLIN BABYLON gesehen (die komplette erste Staffel ist in der ARD Mediathek frei verfügbar).

Ich hatte Schwierigkeiten, die Fiktion zu betreten. Kurz: Die Serie konnte nicht ihre Gemachtheit verschleiern.

Das sollte aber das oberste Gebot sein bei Mainstream-Serien: Der Zuschauer muss schnell die Welt der Fiktion betreten können. Und am liebsten für immer drin verweilen wollen.

Weshalb gelang es mir beim besten Willen nicht, mich auf die Figuren und die Erzählung einzulassen?

Hier ein paar Gründe:

*Die Schauspielführung: die Schauspieler betonen selbst unbedeutende Dialogpassagen streng, und kitzeln Bedeutung selbst an den Stellen heraus, die von selbst den Zuschauern einleuchten. Sie generieren Über-Bedeutung. Anders gesagt: Die Schauspieler (besonders die Hauptrollen: der Kommissar und die Typistin) betonen zu stark das Dramatische. Der Effekt: Momente, die der Zuschauer durch Fantasie und Einfühlungsvermögen entdecken könnte, werden niedergewalzt.

*Uli Harnischs Szenenbild: Uli Harnisch, einer der legendären Szenenbildner Deutschlands, scheint mit dieser Serie an seine Grenze gestoßen zu sein. Die Sets sehen nach Theaterbühne aus, und als Zuschauer verliert man nie das Gefühl, dass diese Räume für die entsprechenden Szenen entworfen wurden. Dieses Gefühl muss nicht dem Serien-Genuss konträr laufen, hier aber drängt sich die Wahrnehmung auf, dass die Macher gescheitert sind, glaubhafte Räume zu entwerfen.

Vielleicht ist das Scheitern des Szenenbilds aber auch nur dem Budget geschuldet…

*Der Erzählton: Die Serie scheint sich nicht sicher zu sein, ob sie eine Genre-Erzählung präsentiert oder das Rad für Berlin-Erzählungen-in-den-Goldenen-Zwanzigern neu erfinden möchte. Beispielsweise: Gleich die erste Verfolgungsjagd ist eine generisch und unoriginelle Genre-Szene, altbekannt aus Polizeifilmen. Die Serie schafft es nicht, mich von der Einmaligkeit dieser Szene zu überzeugen. Sie ist einfach ein Imitat von Genre-Szenen – und das nicht einmal besonders gut.

* Die Regieführung: Die unausgegorene Énoncé der Erzählung zeigt sich in der Bildgebung. Die Bilder haben Mühe, sich an einer Tradition zu orientieren. Natürlich sieht alles wunderbar stimmungsvoll aus. Aber darum geht es nicht. Dem Zuschauer müssen klare Angebote gemacht werden, wie und in welchen Bild-Kanon er die Bilder einzuordnen hat: Romantik, Horror, Action usw. Hier bleibt alles offen.

*Heterogenität ist der Teufel. Fiktionen lassen sich leichter betreten, wenn sie einheitlich sind. Die Aneinanderreihung der Szenen erinnert aber eher an ein lose geschnürtes Paket aus einzelnen Szenen als an einen einheitlichen erzählerischen Entwurf, der alles trägt.

Tom Tykwer hat in seiner Filmemacher-Karriere zwei geniale Filme gedreht: LOLA RENNT und WINTERSCHLÄFER. Leider warten wir immer noch darauf, wieder einen guten Film (oder eine gute Serie) von ihm zu sehen.

Serie

Serienempfehlungen auf NETFLIX und YouTube

… gibt es kurz und knackig in der neuen Podcast-Folge zu hören:

 

Und sonst auch in den meisten Podcatchern zu finden: iTunes, Deezer, Stitcher, TuneIn u. a.

Serie

Migranten-Issues beim Film

Eine Anmerkung, die ich mir erlauben möchte bzg. Migranten in deutschen Erzählungen.

Wenn eine Minderheit mit bestimmten Eigenschaften dargestellt wird (dabei kann die Person gerne individualisiert sein, sprich: keine Karikatur), wäre es sehr empfehlenswert, Gegenmodelle innerhalb der Erzählung zu entwerfen. Wenn es nur einen Türken in der Erzählung gibt, und diese Figur ist böse, hasst Kurden usw. dann kann hier durchaus der Vorwurf berechtigt sein, dass man eine Minderheit oder Ethnie falsch darstellt. Der gute Wille des Autors ist nur halb so relevant für die Beurteilung des Stoffes.

Gegenmodelle können mit ihren Werten im direkten Gegensatz zu der bösen Minderheiten-Figur stehen. Oder aber sie sind einfach in der Story da, als Zeichen dafür, dass es auch anders geht.

Beispiele aus deutschen Serien: 4 BLOCKS oder IM ANGESICHT DES VERBRECHENS.

Hier entsteht der klassische Fehler, dass alle (wirklich, alle!) Migranten und Ausländer, die man zu sehen bekommt, Kriminelle sind. Eine unheimliche Engführung von Migration und Kriminalität ist die Konsequenz. Dies wird nicht explizit thematisiert, aber als Zuschauer nimmt man mit: Vorsicht bei Ausländern, besonders Russen, Arabern, Türken, die stehen alle der Kriminalität nahe, kommen aus dem Milieu oder sind gleich Schwerverbrecher.

Wie kann man diesem für Zuschauer oft unbewussten Eindruck entgegenwirken? — Man zeigt Migranten in Rollen, die oft von weißen Männern und Frauen gespielt werden. Migrant-Sein wird so zur Alltäglichkeit, keine Auffälligkeit und kein Differenzierungsmerkmal.

Die Aussage: „Es gibt auch gute Ausländer“ bestätigt eigentlich nur den Spruch: „Alle Ausländer sind Kriminelle (oder dumm, oder ungebildet oder böse usw.)“. Diese Differenz darf nicht in den (filmischen oder literarischen) Diskurs eingeschrieben sein. Das ist wichtig, in Deutschland aber gar nicht so einfach.

Wie machen es die USA, die in der Hinsicht „weiter“ sind? — Da gibt es den schwarzen Hacker, den Latino-Cop usw. Das meiste davon ist ein Klischee, eine gesellschaftliche Fiktion. So viele schwarze Anwälte oder Hacker, wie sie in Serien gezeigt werden, gibt es natürlich nicht. Und die Zuschauer wissen das. Aber trotzdem ist es ein Schritt in die richtige Richtung. Anderssein fällt weniger auf, wenn in den Büros der Serien automatisch immer auch Anders-Aussehende am Tisch sitzen. Die USA hat mit dieser Casting-Politik früh begonnen — da gab es dann natürlich etliche Verfehlungen: z. B. der Afro-Amerikaner in Slasher-Filmen, warum muss er immer sterben? Auch aus diesen Fehlern lernt die Filmwirtschaft und es gibt einen Diskurs, wie Minderheiten gezeigt werden sollen.

Wie eine Minderheit gezeigt werden soll, ist also weniger eine Frage, die man an den Inhalt stellt, sondern eher eine „politische Entscheidung“. In der Art und Weise, wie man eine Figur zur Erscheinung bringen möchte, trifft man eine Aussage über die Gruppe, der die Figur zugehört. Das ist leider immer so, ein Automatismus, dem man nur schwer entrinnen kann. Die Farbe des Hintergrunds all dieser Entscheidungen ist: weiß (und männlich), das ist nun einmal auch heute noch die Norm.

Und es kann sein, dass das Verfolgen der „politische Entscheidung“ die Gefahr birgt, keine sonderlich „realistischen“ oder milieu-getreuen Resultate zu zeitigen. Das stimmt vollkommen. Die Frage ist, ob man das schlimm findet. Oder nicht. (Ich finde es nicht schlimm.)

Es tut sich etwas, auch in Deutschland.

Denn der zweite Schritt in die richtige Richtung: Migranten-Themen, Frauen-Themen usw. sollten am besten auch von Migranten, Frauen usw. geschrieben werden. Da fallen dann schnell solche behelfsmäßig errichteten Rollenmuster ganz weg. Und der dritte Schritt: Vertreter der Minderheiten schreiben auch den Mainstream-Stoff und nach und nach entstehen neue Erzählungen mit alten Inhalten, bis vielleicht mal die Unterscheidung in Fremd-Ursprünglich oder Minderheit-Mehrheit nicht mehr so relevant geworden ist….

Mal schauen!