Kino

Uli und der Mars-Riegel sterben langsam

DIE HARD ist ein toller klassischer Action-Film. Und einer meiner Lieblingsfilme — mit dieser Meinung stehe ich bestimmt nicht alleine da.

Dass DIE HARD so überwältigt, hat tausend Gründe. Einer ist der Antagonist: Hans Gruber und seine Schar der bösen Deutschen. Einer der Deutschen sticht aus der Gruppe ganz besonders heraus. Es handelt sich um Uli, der von Al Leong dargestellt wird und eigentlich wenig Ähnlichkeit mit einem Uli aufweist.

Es gibt eine großartige Szene, in der die Bösen auf das Einsatzkommando der Polizei warten. Die Spannung in der Lobby steigt, Maschinengewehre werden entsichert, Leute gehen in Deckung, die Falle wird gleich zuschnappen.

Wir verweilen beim verschwitzten Gesicht von Uli. Und siehe da, er kann es sich nicht verkneifen und grabscht nach einem Schokoladenriegel und schiebt ihn sich in den Mund. Und das kurz vor einem Showdown. Trotz der Anspannung.

Ein tolles Detail für einen Schurken! Die Szene wird um eine kleinen Gag bereichert, wir grinsen. Die Spannung wird aufrecht erhalten. Aber gleichzeitig sehen wir in Uli nicht mehr einen generischen Bösewicht, sondern eine Figur. Nur eine kleine Szene, aber sie lässt das Altbekannte und Generische von „Die Bösen warten auf die Guten“ abblättern. Und entlockt uns fast Empathie für Uli.

Solche Details sind wichtig in Genre-Filmen und Genre-Szenen, das kann ich nicht genug betonen.

 

 

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Netflix

The Martian – Rettet Mark Watney

THE MARTIAN ist in vieler Hinsicht ein gelungener Film. Und ganz besonders in dem, was der Film nicht macht.

Der Film verzichtet auf nervenaufreibende Kommunikation des Marsianers Mark mit seinen Eltern, die auf der Erde leben. Das Drehbuch schreibt ihm weder Frau noch Kinder zu. Die filmisch undankbare Aufgabe, die Ehefrau eines Astronauten zu sein, entfällt komplett. Der Film konzentriert sich somit ausschließlich auf die Wissenschaftler und die Mission und verzichtet auf den künstlichen Pathos der gewöhnlichen Raumfahrer-Filme.

In der Regel weint in diesem Genre immer eine einsame Ehefrau vor einem Monitor, schluchzt sich ihren Traum-Ehemann herbei, der ins All gewandert ist. Auch fällt ihr die undankbare Aufgabe zu, ihren Mann so zu akzeptieren, wie er sich gibt. Wohingegen sie sich anpassen und sich seinem Lebenstraum und/oder seinem Pflichtgefühl unterwerfen muss. Beispiele sind Legion: Die Kinofilme ARMAGEDDON oder FIRST MAN fallen mir sofort dazu ein.

THE MARTIAN fällt zum Glück nicht in diese Honigfalle und erzählt stattdessen auf wissenschaftlich-unterhaltsame und „humane“ Art vom Überlebenskampf einer Robinson-Crusoe-Figur.

Kino, Netflix

Le monde est à toi

Ein schöner Film und so französisch, wie nur die Filme der Franzosen sein können: Amour fou, aufdringliche-neurotische Mütter, Kleinkriminelle aus Paris und das Fehlen jeglicher psychologischen Glaubwürdigkeit in der Entwicklung der Figuren (die meisten der Figuren existieren ausschließlich als Filmfiguren). Die Rede ist von DIE WELT GEHÖRT DIR von Romain Gavras, der auf Netflix zu sehen ist.

Mir hat der Film gefallen. Die Story recycelt Versatzstücke des Heist- und Gangster-Genres (großartig!). Die einen oder anderen werden sich an Klassiker dieser Genres erinnert fühlen: OCEAN’S ELEVEN oder HEAT. Doch werden unterschiedlichste Elemente (Flüchtlinge, Drogen, Bandenkrieg, Kapitalismus und… Engländer) so merkwürdig miteinander kombiniert, der Film wirkt trotz der allzu offensichtlichen Genre-Anspielungen originell und lebendig.

Das liegt vor allem an der Regie-Führung. Romain Gavras nutzt z. B. wunderbar nachlässig inszenierte Plansequenzen in der Totalen, um seinem Helden zu folgen. Und das alles zu aufdringlichen Pop-Songs — für jemanden wie mich, der mit MTV-Video-Clips aufgewachsen ist und Filme von Wong Kar Wai liebt, ein tolles Filmerlebnis.

Die Story entzieht sich der Deutbarkeit bzw. es lohnt wenig, sich Gedanken um Figuren-Motivation und Plot zu machen. Muss man nicht immer tun.

Schön ist eben der Grundgedanke, den Gavras als Vertreter der Grande Nation einbringt: Filme sind mehr als nur abgefilmter Dialog in der Schuss-Gegenschuss-Auflösung. Gavras zeigt, dass und wie man als Filmemacher eine eigene Erzähl-Haltung etablieren kann.

Kino

Star Trek – Into Darkness

Der Film STAR TREK – INTO DARKNESS ist ein gutes Beispiel für die Spiegelung von Held und Antagonist. Interessant wird es vor allem in Bezug auf das Thema: Was macht einen guten Kapitän aus?

In dieser Hinsicht stellt sich die Frage nach der Beziehung zwischen Anführer und Crew. Wie weit ist der Kapitän gewillt, für seine Mannschaft zu gehen?

Die Antworten, die der Held Kirk und der Antagonist Khan darauf formulieren, sind Ausdruck ihres spezielles Charakters. Sie sind sich ähnlich, sie würden alles für ihre Crew auf sich nehmen.

Deshalb sind beide Männer auch so verschieden. Und das bringt die richtige Dynamik in die moralischen Dilemmata.

Khan will seine Crew befreien und bringt dafür andere um. Captain Kirk will seine Crew retten – und opfert sich im Höhepunkt des Films dafür selbst. Konsequent entwickelt der Film die Heldenreise zu diesem Höhepunkt hin. Wer würde am wenigsten sich opfern wollen für seine Crew, die er trotz allem über alles stellt? Richtig, die Person, die die Aufgabe nicht ernst nimmt. Und so ist Captain Kirk als Figur gestaltet.

Ich habe den Film nun dank Netflix ein zweites Mal gesehen. Mir fiel diesmal auf, dass J. J. Abrams filmisches Vokabular wirklich stark begrenzt ist. Die Art, wie Figuren dynamisch in Szene gesetzt werden, wiederholen sich und langweilen schnell. Und besonders augenfällig lässt der filmische Erzähler den Zuschauer in emotional bedeutsamen Momenten hängen. Kurz: J. J. Abrams Stilwille erschöpft sich in einer oberflächlichen Imitation des amerikanischen Main-Stream-Kinos der 80er und 90er.

Kino

My Big Fat Greek Wedding

Eine Rom-Com wie sie sein soll: Leicht, beschwingt, mit bedeutsamen Beziehungen und lebensverändernden Entscheidungen. Den Mix dieser Elemente hinzukriegen ist verdammt schwer. MY BIG FAT GREEK WEDDING gelingt es.

Ein paar Dinge, die mich bei diesem Vertreter des Genres überrascht haben:

* Ähnlich wie bei WHEN HARRY MET SALLY streckt sich die erzählte Zeit über einen längere Periode. Bei WHEN… sind es Jahre, hier sind es Monate. Die Entwicklung der Beziehung wird rasant erzählt, aber wirkt nicht überstürzt.

Ich habe mich gefragt, wie eine Einheit der Orte und Szenen gewährleistet wurde. Die griechische Familie ist ausufernd, so sind auch die Herzensangelegenheiten. Hier wird aber eine thematische und vor allem emotionale Einheitlichkeit durch den Konflikt erreicht, der die Szenen der Heldin Toula zusammenhält. Es ist die mal offene, mal heimliche Konfrontation mit dem Patriarchen der Familie, ihrem Vater.

Doch stellen sich der Heldin nicht die stereotypen Fragen, die so prominent in Filmen verhandelt werden: Ich versus Familie, eigene Entscheidungen versus Fremdbestimmung, eigenes Glück jenseits der Familie versus Erfüllung-Finden in Traditionen usw. Bei MY BIG… sind die Figuren so stark individualisiert, die Fronten durch familiäre Zuneigungen und Liebe so sehr zermürbt, dass die Konflikte nicht hart sondern einfühlsam ausgetragen werden. Beide Parteien reflektieren immer auch den Gegner und empfinden Mitleid. Die Kämpfe verlieren trotzdem nichts an Dringlichkeit oder Brisanz.

* Auffällig ist der Einsatz klar individualisierter Figuren, die zufällig wie Klamauk-Figuren wirken, aber spätestens am Ende des zweiten Aktes eine tragende Rolle für Plot und Thema spielen. Ich denke hier an den Bruder und an die Großmutter der Heldin, die eigentlich nur Side-Kicks sind, aber in dem Augenblick emotional für die Heldin wichtig werden, wenn sie am Boden ist.

* Ich denke, der Midpoint eines Films ist emotional und thematisch wichtiger als der erste Plot Point. Der Midpoint wäre ohne den ersten Wendepunkt nicht möglich, gewiss. Aber beim Midpoint erst wird Thema und das, was auf dem Spiel steht, erst richtig verhandelt. Bei MY BIG… ist es Toulas Entschluss, zu heiraten, sprich: das väterliche Heim zu verlassen. Der Midpoint beim Plot ist bedeutsamer als der erste Wendepunkt, der die Komplikationen erst auf den Weg bringt (hier das Meet-and-Court einer Rom-Com).

* Und zuletzt: Der Film weist die typische Kamerafahrt auf, an die ich mich als Kind so gewöhnt hatte, aber die die heutigen Filme gänzlich missen lassen. Ich rede von dem eleganten Establishing Shot, der bei immobilen Dingen beginnt und bei einer Figur endet, am besten in Studio-Innenaufnahmen. Eine Einleitung der Szene. Das langsame Ausfalten des filmischen Raumes auf einen Beginn hin (die Einführung einer menschlichen Gestalt, die schläft, schreibt usw.) ruft bei mir große Nostalgie-Effekte hervor. Over-used kann man diese Art von Establishing Shots auch nennen, klar, aber mir sind sie ans Herz gewachsen.

Kino

Arrival

ARRIVAL gehört zu den wenigen großartigen Filmen, die mich nach ihrem Ende nicht mehr verlassen werden.

Das liegt nicht nur an der Geschichte. Von der ersten bis zur abschließenden Sequenz drängt sich der Film dem Zuschauer als außergewöhnlich auf. Die Kameraführung, die Bildgestaltung, die Mise en Scène, die Schauspielführung, die Tongestaltung und Filmmusik — alles ist anspruchsvoll, sprich: auf hohem Niveau. Eindeutig wurde hier ein Film produziert (und mit dem entsprechenden Selbstwert vermarktet), um ihn als Awards-Contender ins jährliche Rennen um Auszeichnungen zu schicken. Für einen anspruchsvollen Stoff legen sich die entsprechenden Gewerke gerne ins Zeug. Und dass die Filmerfahrung nicht enttäuscht, sondern dem Anspruch gerecht wird – das ist die glücklichste Fügung. Es passiert nicht alle Tage.

ARRIVAL hat mich zutiefst bewegt. Und das lag vor allem an der Geschichte.

+++Spoiler+++

Der große Wendepunkt kam für mich, als ich verstand, dass die abgeschlossene Geschichte um Louise Banks Tochter nicht Erinnerung sondern unausweichliche Zukunft ist. Der Film führt uns gekonnt hinter das Licht. Nach ungefähr zwei Drittel des Films ahnt man, dass die Tochter noch ungeboren ist. Durch einen einzigen Dialogsatz gewinnt die Ahnung Sicherheit: „Who is that child?“, fragt sich Louise laut. Die Erkenntnis, Bilder der Zukunft zu sehen und die Trauerarbeit für die noch unbekannte Tochter zu beginnen, gibt ihr die Kraft, Großartiges zu vollbringen.

Der Film hält die Info über den Status der einfühlsamen Zwischenschnitte zurück. Wie macht er das?

*Louises Reaktion auf die wahrgenommenen Bilder wird stillschweigend elliptisch erzählt. Sie spricht mit niemandem darüber.

*Louise als Charakter wird zurückhaltend und zurückgenommen dargestellt. Wir glauben ihr, dass sie emotional eher verschlossen ist und sich niemandem mitteilen möchte. Sie wird kein großes Aufheben um die eigene Gefühlswelt machen.

*Erzählstil: Das Zurückhalten der Information ist kongruent mit dem ganzheitlichen Ansatz der Erzählung, Informationsvergabe streng zu regulieren. Der Zuschauer vertraut der Erzählung, weil von Anfang an die „filmische Erzählstimme“ (énonciation) streng über die Vergabe der Informationen wacht.

Und zuletzt: Mich überrascht, das christliche Leitmotiv des Films, vor allem die Figur Louise Banks. Es tauchen zwölf Raumschiffe auf der Erde auf, die Zahl zwölf erinnert sofort an die zwölf Apostel, aber auch an die im neunzehnten Jahrhundert gezählten Mariannen-Erscheinungen (die z. B. als zwölf Sterne auf unserer EU-Flagge symbolisiert werden). Gleichzeitig spielt die Entscheidung der Mutter, ein Kind zu gebären, dessen Leben und Tod eng mit der Rettung der Menschheit verknüpft ist, eindeutig an Maria an, an die Mutter Jesu. Wie auch Maria weiß die Mutter vorab um das Schicksal ihres Kindes und entscheidet sich trotzdem für das Kind. Man könnte deshalb vielleicht sagen: Das Leiden einer Mutter und ihres Kindes bringt (oder: ist) Hoffnung für die Menschheit.

Serie

Bodyguard

Großartiger Einstieg, schwaches bis lächerliches Ende. Die Netflix-Serie BODYGUARD überwältigte mich mit Tempo und ihrer Konzentration auf die Persönlichkeit des Bodyguards.

Die britische Serie und der amerikanische Film BODYGUARD mit Kevin Kostner weisen mehrere Gemeinsamkeiten auf. Ich denke, man kann durchaus von einer Geeignetheit von Leibwächtern für ganz bestimmte Story-Tropen sprechen. Manche Erzählmuster drängen sich einfach auf, wenn man eine faszinierende und den Zuschauer ansprechende Leibwächter-Figur schaffen möchte.

Mir sind folgende Gemeinsamkeiten aufgefallen:

* Der Bodyguard agiert professionell, ist jedoch widerwillig, die Schutzbefohlene zu schützen.

* Auch ist ein wesentlicher Wendepunkt der Geschichte, dass der Bodyguard begreift, dass der ehemaliger Kollege sein Widersacher ist. Der Feind lauert in den eigenen Reihen.

* Der Bodyguard beschützt eine attraktive Frau, die nie eine Opferrolle annimmt und auch sich weigert, mit einer Bedrohung zu leben. Die Frau ist auf ihre Art eine starke Persönlichkeit, ist höchst erfolgreich im Beruf und aktiv in der Auswahl ihrer Lover und Gestaltung ihres Sexlebens.

* Die amourösen Verstrickungen mit der Schutzbefohlenen nehmen wesentlichen Raum ein und gehen sogar so weit, den Bodyguard in seiner Persönlichkeit zu erschüttern. Auch die Schutzbefohlene kann sich den neuen Gefühlen nicht entziehen.

* Der gemeinsame Sex vollzieht sich im ersten Drittel der Geschichte. Die Auflösung der Beziehung erfolgt zeitlich unmittelbar darauf.

Fazit: Die Figur des Bodyguards ist umso interessanter, je professioneller sie beim Arbeiten auftritt. Der Bodyguard, auch wenn Film und Serie nach einer Job-Beschreibung betitelt werden, lebt wie jede großartige cineastische Filmfigur von einer Beziehung zu einer anderen Figur, die ihr emotional nahe geht – hier ist es die Beziehung zu einer Schutzbefohlenen, die eigentlich nicht geschützt werden möchte.

+++SPOILER+++

Der Fehler der Serie BODYGUARD ist, dass die Schutzbefohlene zum Midpoint der Serie stirbt. Ihr Ableben hinterlässt in den verbleibenden Folgen eine wahnsinnig große Lücke. Geschlossen wird sie durch Action und Ermittlungsdruck. Das gelingt oft, aber nicht durchgehend. Das Happy-End scheitert und fühlt sich aufgesetzt an. Julia taucht in den letzten drei Folgen einfach nicht mehr auf. Ihr Fehlen zerstört das Versprechen, das in der ersten Folge dem Zuschauer gemacht wurde. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum sich das Ende so aufgesetzt und falsch anfühlt.

Abschließend:Es wäre großartig, wenn sich das Bodyguard-Genre mit dem Spuk-Genre kreuzen könnte. Die Schutzbefohlene kehrt wieder als Geist, der den Bodyguard heimsucht. Kurz: VERTIGO – und James Stewart spielt den Bodyguard. 🙂