JU DOU

Filme überraschen mich nicht mehr. So dachte ich, bis ich JU DOU sah. Zhang Yimou hat ein Meisterwerk erschaffen, das als Erzählung überwältigt und in seiner Bildsprache mitreisst.

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ALIEN COVENANT

Wie gründen sich Filmreihen? – Wenn Filme in Fortsetzung gehen, geht es darum, das Gewohnte nur anders in die Welt zu bringen. Die guten Forsetzungsreihen nehmen sich dieses Problems auf eine innovative, den Zuschauer fordernde, intelligente Art an – kurz sie überraschen uns, indem sie mit den Regeln der Welt spielen, sie aber nicht brechen. Je besser das Verständnis der Regeln sind, die den Kultstatus oder den Erfolg des ersten Films der Reihe gegründet haben, um so vielfältiger und überraschender werden die Fortsetzungen.

Die ALIEN Filme sind in der Hinsicht paradigmatisch für eine gelungene Filmreihe, wenn auch nicht alle Filme stark sind. ALIEN COVENANT tut sich in der Hinsicht leider schwer.

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Warum das Ende immer enttäuscht

Eine Gedankenskizze: Woher dieses schale Gefühl am Ende eines Films, jeden Films, selbst am Ende eines Films, den man mochte? Dieses Gefühl der Enttäuschung, wenn die Welt der Fiktion, die Welt der ewigen Liebe, der überkommenen Gefahren, gewonnen Einsichten verlassen werden muss?

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THE WOLF OF WALL STREET

Wie stellt man die Welt des Scheins, des Pomps und der aufgeblasenen Egos bloß? – Heute, nicht nur durch die Präsidentschaft Trumps, ist die Frage aktuell wie eh und je.

Man tut es nicht, indem man den Zeigefinger hebt, das ist klar, und Martin Scorsese weiß das genau. Sein Team und er entscheiden sich in THE WOLF OF WALLSTREET für einen anderen Ansatz.

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FORREST GUMP

Ein Klassiker, nicht das Buch, aber der Film: FORREST GUMP. Tom Hanks wurde spätestens mit dieser Rolle weltberühmt, gewann Preise, darunter einen Academy Award. Aber nur wenigen ist bewusst, welche Hautfarbe Tom Hanks in seiner Rolle wirklich – auf der Ebene der Metapher – hat. Ein Tipp: Er ist nur auf der Leinwand weiß.

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Genre-Kniffe in THE MIST und UNFORGIVEN

Wie zeigt man, dass die Charaktere trotz Menschlichkeit – trotz der Fehler, die wir alle begehen – böse sind? Man lässt die Tat, die den Charakterzug, der als böse empfunden wird, aus dem Täter herauszerrt, von zweien ausführen. Dann zeigt sich Bösheit in Differenz zu einem, der die Tat bereut, gutmütig ist. Bereuen und Abbitte leisten kann in Hollywoods Genre-Filmen immer nur einer, nicht beide.

So ist es z. B. bei THE MIST – Jim und sein Kumpel gehen unterschiedliche Wege im Laufe der Erzählung: Der eine wird der Freund des Familienvaters, der andere will dessen Sohn töten und opfern. Auch bei UNFORGIVEN, Clint Eastwoods Meisterwerk, findet sich dieses Muster: Davey und Mike tun Delilah Gewalt an, aber nur Davey bereut, er ist noch jung, er wusste nicht, was er tut. Mike hingegen bleibt das Böse und wir verachten ihn.

DE ROUILLE ET D’OS

Wie lassen sich große, wilde Körper zähmen? Um das wilde Tier oder den schweigsamen Mann zu zähmen, muss nicht der Dompteur eine Beziehung zu dem Körper eingehen, sich fügen? Wie weit darf das Sich-Fügen gehen, wo ist die Grenze? – Diese Fragen stellt Jacques Audiard schöner Film DE ROUILLE ET D’OS.

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AMERICAN HUSTLE

Eine wunderbare Sequenz, sie zeigt uns, wie sich zwei Menschen verlieben und doch getrennt bleiben müssen. Die Sequenz startet mit dem Kennenlernen, behandelt, wie die beiden eine Partnerschaft eingehen, zeigt ihren ersten Kuss in der Wäscherei (Plastikfolien streicheln dabei zart ihre Wangen), führt ihren ersten Tanz auf der Straße vor, lässt sie euphorisch in einen Ballsaal übersetzen und eng umschlungen tanzen, zeigt den Sex, den nur ein Schnitt vom Tanz trennt, und zeigt uns schließlich den Abschied, das Ende der Euphorie, den Alltag.

Die Sequenz spielt im ersten Akt von AMERICAN HUSTLE. Bemerkenswerte Schauspielführung und großartige Schauspieler geben den Szenen Glaubwürdigkeit.

 

MISS BALA

Kamerabewusstsein hat Tradition im Kino. Friedrich Wilhelm Murnau und sein Kameramann Karl Freund haben mit ihrer entfesselten Kamera Kinogeschichte geschrieben, in DER LETZTE MANN kann man sich von der großartigen Kameraführung selbst überzeugen. Doch auch in den letzten Jahren gab es großartige Filme, die das Bewusstsein der Kamera als sehendes und zu sehen gebendes Organ der Erzählung in die Darstellung der Handlung eingeschrieben haben.

MISS BALA ist hier ein gutes Beispiel, das die Vorzüge von Kamerabewegungen eindringlich vorführt. Eine kriminelle Organisation hat Laura im Griff, sie wird von einer Veranstaltung, von einem Treffen zum nächsten geschickt. Nie weiß sie, was die Gründe und die Hintergedanken der Männer sind, die sie beherrschen.

Ähnlich wie die Hauptfigur wird auch die Kamera eingesetzt: Lange und stur für das, was sie zu sehen kriegt, fährt die Kamera an Menschenreihen entlang, verweilt mit Laura im Bett, beobachtet die unmenschlichste Gewalt, die um Laura ausbricht. Die Linse sucht sich verlassene Winkel, schmutzige Ecken, lange Flure aus, statt uns die Brutalität heads on zu präsentieren. Am liebsten bleibt die Kamera bei der Hauptfigur, genau wie sie macht die Kamera gerne bei allem mit, in das sie hineingerät, gibt uns die Aufnahmen der erschossenen Soldaten und Polizisten zu sehen, nur um sich im nächsten Augenblick der Gewalt zu entziehen.

Geisel, Mitläufer und Komplize ist die Kamera genau wie die Heldin der Geschichte.

WOLF

Im Kino ist die Inszenierung einer Handlung wesentlich, dazu gibt es eine Position bei Filmdrehs, die die Verantwortung dafür inne hat: der Regisseur. Was ist gute Inszenierung? Dafür gibt es viele Kriterien. Eine Art der Inszenierung, die mir wichtig ist, ist eine, die durch den Einsatz von Raum, Blickgebung und Licht fähig ist, Bedeutung in Bezug zu den Figuren zu generieren – kurz: eine Inszenierungsart, die die Geschichte kommentiert, ohne den Zuschauer auf den Kommentar hinzuweisen. Der Kommentar ist nur Angebot, man muss das leise Zugeflüsterte nicht hören, um den Film trotzdem genießen zu können.

Ein gutes Beispiel dafür findet sich in WOLF, einem genialen Genre-Film über Werwölfe, der unter der Regie des Meisters Mike Nichols entstanden ist. Will Randall wurde von einem Wolf gebissen und er fängt an, erste Veränderungen am eigenen Körper wahrzunehmen. Die Bisswunde an seiner Hand verändert sich, Fell wächst um die Wunde, er beäugt ungläubig im Spiegel seine Hand. In der nächsten Szene schneidet er die Wolfshaare ab, mit einer Schere, als würde er seine Fingernägel trimmen, schneidet er Strähne um Strähne ab.

Wie wurde diese Handlung eingefangen? – Es beginnt mit einer leichten Kamerafahrt auf Will Randall zu: Er kniet über der Kloschüssel, wir hören die leichten metallenen Schneidegeräusche der Schere, sehen aber nur seinen Rücken. Die Kamera fährt, wie es im Grusel- und Horror-Genre üblich ist, langsam weiter, fährt hoch und gibt uns über seiner Schulter den Blick frei auf seine Hand und die Schere über dem Klodeckel.

Warum diese Fahrt? – Die Handlung an sich ist nur ein Baustein in der Entwicklung der Figur Will Randall in ihrer Metamorphose zum Wolf. Die Inszenierung nimmt sich hier aber viel Zeit für etwas Unwichtiges. Die Fahrt lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Bedeutsamkeit der Tat, sprich: Nicht die Tat an sich, sondern, dass etwas passiert, wird wichtig. Die Fahrt spielt das Spiel des Ver- und Aufdeckens, die Darstellung betont die Heimlichtuerei. So kommt in den Blick: Will Randall schneidet sich die Haare ab, er tut es heimlich, heimlich vor der eigenen Frau aber auch vor den anderen Menschen. Die Inszenierung betont das Geheimnis und das Mysterium, das diese paar Haare an der Wunde für den Menschen Will Randall und für die menschliche Gesellschaft bedeuten.

Dieser Aspekt der Handlung wäre in einer anderen Art von Inszenierung verloren gegangen. Die Inszenierung hat aber dieses Element zum Vorschein und zur Geltung gebracht.