Von der Größe der Leinwand – von der Rettung des Kinos auf den heimischen Bildschirmen

Was ist der Zusammenhang zwischen den Emotionen, die wir im Kinosaal empfinden, und der Größe der Einstellungen, die wir zu sehen kriegen? – Für die Großaufnahmen in herkömmlichen narrativen Filmen gilt: Es gibt darauf zwei gegensätzliche Antworten, beide sind Glaubensbekenntnisse.

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MINDHUNTER

Eine pragmatische Entscheidung löst die Konfrontation mit dem Bösen aus: Mörder sollen analysiert, eine Taxinomie soll gewonnen und der Wissenschaft dienbar gemacht werden. So langweilig das für eine fiktionale Serie klingen mag (das Was), so brilliant ist die Umsetzung (das Wie) bei der Netflix-Serie MINDHUNTER.

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JOHN WICK 2

Wenn Keanu Reeves im Bild auftaucht, anfangs bloß ein Schatten, der sich in Menschengestalt materialisiert, um ganz martialisch die Bösen auseinander zu nehmen, dann war ich ganz Zuschauer, ganz Kind, das sich seinem Lieblingsspiel hingibt: Böse Menschen konsequent und auf souveräne Art zusammenschlagen.

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RIVERDALE

Die Netflix-Serie RIVERDALE schmeckt zuckersüß, aber doch nicht süß genug, dass wir den Mund verziehen müssen. Sondern genau richtig, wie eine Mousse au chocolat, die sich nach dem Hauptgericht nie aufdrängt.

Eine Teenie-Serie mit attraktiven Darstellern, die in schönem matten, warmen Licht mit viel Haze-Effekten ausgeleuchtet werden, die Frisuren sitzen, selbst der Schmutz der Teenager, alle von Erwachsenen gespielt, wirkt wie aus der Werbung. Diese Elemente bringt das Teenie-Genre mit sich. Trotzdem: Ich habe gerade erst mit der Serie angefangen und bin begeistert. Weshalb?

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MISS BALA

Kamerabewusstsein hat Tradition im Kino. Friedrich Wilhelm Murnau und sein Kameramann Karl Freund haben mit ihrer entfesselten Kamera Kinogeschichte geschrieben, in DER LETZTE MANN kann man sich von der großartigen Kameraführung selbst überzeugen. Doch auch in den letzten Jahren gab es großartige Filme, die das Bewusstsein der Kamera als sehendes und zu sehen gebendes Organ der Erzählung in die Darstellung der Handlung eingeschrieben haben.

MISS BALA ist hier ein gutes Beispiel, das die Vorzüge von Kamerabewegungen eindringlich vorführt. Eine kriminelle Organisation hat Laura im Griff, sie wird von einer Veranstaltung, von einem Treffen zum nächsten geschickt. Nie weiß sie, was die Gründe und die Hintergedanken der Männer sind, die sie beherrschen.

Ähnlich wie die Hauptfigur wird auch die Kamera eingesetzt: Lange und stur für das, was sie zu sehen kriegt, fährt die Kamera an Menschenreihen entlang, verweilt mit Laura im Bett, beobachtet die unmenschlichste Gewalt, die um Laura ausbricht. Die Linse sucht sich verlassene Winkel, schmutzige Ecken, lange Flure aus, statt uns die Brutalität heads on zu präsentieren. Am liebsten bleibt die Kamera bei der Hauptfigur, genau wie sie macht die Kamera gerne bei allem mit, in das sie hineingerät, gibt uns die Aufnahmen der erschossenen Soldaten und Polizisten zu sehen, nur um sich im nächsten Augenblick der Gewalt zu entziehen.

Geisel, Mitläufer und Komplize ist die Kamera genau wie die Heldin der Geschichte.

WOLF

Im Kino ist die Inszenierung einer Handlung wesentlich, dazu gibt es eine Position bei Filmdrehs, die die Verantwortung dafür inne hat: der Regisseur. Was ist gute Inszenierung? Dafür gibt es viele Kriterien. Eine Art der Inszenierung, die mir wichtig ist, ist eine, die durch den Einsatz von Raum, Blickgebung und Licht fähig ist, Bedeutung in Bezug zu den Figuren zu generieren – kurz: eine Inszenierungsart, die die Geschichte kommentiert, ohne den Zuschauer auf den Kommentar hinzuweisen. Der Kommentar ist nur Angebot, man muss das leise Zugeflüsterte nicht hören, um den Film trotzdem genießen zu können.

Ein gutes Beispiel dafür findet sich in WOLF, einem genialen Genre-Film über Werwölfe, der unter der Regie des Meisters Mike Nichols entstanden ist. Will Randall wurde von einem Wolf gebissen und er fängt an, erste Veränderungen am eigenen Körper wahrzunehmen. Die Bisswunde an seiner Hand verändert sich, Fell wächst um die Wunde, er beäugt ungläubig im Spiegel seine Hand. In der nächsten Szene schneidet er die Wolfshaare ab, mit einer Schere, als würde er seine Fingernägel trimmen, schneidet er Strähne um Strähne ab.

Wie wurde diese Handlung eingefangen? – Es beginnt mit einer leichten Kamerafahrt auf Will Randall zu: Er kniet über der Kloschüssel, wir hören die leichten metallenen Schneidegeräusche der Schere, sehen aber nur seinen Rücken. Die Kamera fährt, wie es im Grusel- und Horror-Genre üblich ist, langsam weiter, fährt hoch und gibt uns über seiner Schulter den Blick frei auf seine Hand und die Schere über dem Klodeckel.

Warum diese Fahrt? – Die Handlung an sich ist nur ein Baustein in der Entwicklung der Figur Will Randall in ihrer Metamorphose zum Wolf. Die Inszenierung nimmt sich hier aber viel Zeit für etwas Unwichtiges. Die Fahrt lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Bedeutsamkeit der Tat, sprich: Nicht die Tat an sich, sondern, dass etwas passiert, wird wichtig. Die Fahrt spielt das Spiel des Ver- und Aufdeckens, die Darstellung betont die Heimlichtuerei. So kommt in den Blick: Will Randall schneidet sich die Haare ab, er tut es heimlich, heimlich vor der eigenen Frau aber auch vor den anderen Menschen. Die Inszenierung betont das Geheimnis und das Mysterium, das diese paar Haare an der Wunde für den Menschen Will Randall und für die menschliche Gesellschaft bedeuten.

Dieser Aspekt der Handlung wäre in einer anderen Art von Inszenierung verloren gegangen. Die Inszenierung hat aber dieses Element zum Vorschein und zur Geltung gebracht.

kurzschluss – arte Magazin

Eine Notiz: Unbedeutendes Werk eines Regisseurs auf arte gesehen. Ein Kurzfilm – zum Glück. Die Beobachtung: Schauspieler Gefühls- und Seelenzustände in einzelnen Szenen und über längere Szenen hinweg halten zu lassen wirkt ermüdend und banal. Figuren nicht dauernd aus Fenstern schauen lassen. Wenn sich diese Art von Szenen häufen, dann fehlt das externe Drama, es fehlt das, weshalb wir zuschauen möchten. Die Figuren schauen zu, schauen irgendwohin und wir schauen zu, wie sie das Drama aus den Augen verlieren.

 

PS: Schauwerte beachten, Erzählung den Gegebenheiten anpassen. Wenn die Räume, in denen sich die Figuren bewegen, alltäglich sind und so aussehen, hilft es keinem Zuschauer, wenn der Film lange „in“ den Räumen verweilt.

HULK – über Monstren

Wenn es darum geht, die Angst vor dem Monster zu zeigen, müssen in den Szenen, die der Ankunft des Monsters vorausgehen, entweder die Konsequenzen der Gewalttätigkeit des Monsters oder aber direkt das Monster in seiner Brutalität gezeigt werden. Sonst bleiben die Szenen ohne Substanz, leere Zeichen, die auf nichts verweisen.

In THE INCREDIBLE HULK (die Hulk-Verfilmung mit Edward Norton) schauen wir Bruce Banner zu, wie er lernt, seine Aggressivität zu beherrschen. Der Puls pocht, seine Augen verengen sich, der Atem geht schneller usw., während ihn sein Kampftrainer ohrfeigt. Als Zuschauer fühlen wir uns aber allein gelassen, die Brisanz der Bedrohung – Bruce Banner wird zu einem grünen Monster, das alles und jeden niederschlägt – existiert nur in unseren Gedanken, die wir „zum Film mitbringen“. Ohne Wissen um Hulk und Bruce Banner und ihre Beziehung bleibt die Gefahr nicht greifbar, nicht nachvollziehbar und lässt uns damit kalt.

Wie macht man es richtig? In STAR WARS VI – THE RETURN OF THE JEDI, in Jabba The Hutts Palast wird dem Monster unter dem Tanzsaal, bevor Luke dagegen antritt, eine Tänzerin geopfert. Die Szene unterstreicht Jabbas Bösheit, klar, aber führt zugleich die Bestie ein: Die Bestie, ohne in Erscheinung zu treten, zerfleischt die Tänzerin. Damit wird die Angst um Luke konkret und greifbar und damit: wirklich.