Kino

Die Magie der Figuren

DOCTOR STRANGE überwältigt den Zuschauer mit endlos gefalteten Räumen, die sich wieder und wieder ineinander falten – weit besser als INCEPTION… Sosehr die Bildmagie und die Bildräume auch überraschen – so etwas gab es noch nie im Kino -, es fällt auf, dass die Nebenfiguren, ihre Konflikte und selbst so manch ein Konflikt der Hauptfigur sich nie über den Stand einer bloßen Behauptung hinausbewegen.

Ein behaupteter Konflikt und die dazu passende Lösung sind Gift für eine organisch-gesunde Plot-Entwicklung. Und so fällt auf, dass der Hauptkonflikt des Hauptbösewichten Kaecilius (er fühlt sich von The Ancient One verraten) genauso wie die dogmatische Regeltreue Mordos (er zürnt und kritisert ständig den Pragmatismus, den Doctor Strange an den Tag legt) einzig auf der Dialogebene existieren. Die Konflikte und Themen werden deklariert, werden in Dialogszenen in Worte gegossen. Doch geben sie uns keinen emotionalen Zugang zu den Charakteren oder zu ihrer Erfahrungswelt. Die Emotionen, Konflikte und Dilemmata bleiben von Anfang bis Ende (nur) behauptet.

Zum Glück rissen mich die Zaubertricks der Figuren und des VFX-Departments so sehr mit, dass ich über den schwachen Plot hinwegsehen konnte.

 

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Kino

Little Miss TV

Schauen wir uns kurz die Eröffnungssequenz von LITTLE MISS SUNSHINE an. Es fällt auf, dass der Film auf die ersten vier Szenen eigentlich verzichten könnte. Die Szenen liefern keine wesentlichen Informationen und das erzählerische Input, das sie bieten, findet sich auch in den folgenden Szenen – und das sogar besser: mit wesentlich mehr Konflikt, mehr Human Drama. Warum ist es aber trotzdem eine der besten Eröffnungsmontagen, erzähltechnisch gesehen, die ich kenne?

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Schreiben

Ein Tipp für guten Dialog

Die W-Fragen vermeiden. Das ist die Regel, Ausnahmen sollten Ausnahmen bleiben.

Die Figuren fragen nicht wo, was, wie, warum und wozu. Probiert’s mal aus, die Dialoge werden besser.

Kino

Florida ist Moonees Disneyland

THE FLORIDA PROJECT läuft gerade in den Kinos. Der Film wurde hochgelobt – und das zu recht. Willem Dafoe und Brooklyn Prince spielen ergreifend schön schlicht und doch mit so viel Energie, wer sich bei ihrem Anblick nicht in die Welt der untersten Schichten Floridas verführt fühlt, dem kann man nicht mehr helfen, weder im Kino noch im Leben.

Florida ist für Moonee ein Vergnügungspark, ähnlich wie Disney World für die Touristen. Das kleine Mädchen lebt in einem Motel, das als Absteige und Wohnort für die Armen Floridas herhalten muss. Der offizielle Walt Disney, der Gastgeber und Spielleiter, ist Bobby (Willem Dafoe), er kümmert sich um den Betrieb, repariert defekte Eismaschinen wie auch zwischenmenschliche Beziehungen. Ein guter Mann, obwohl ihm Güte fremd ist. Ein großartiger Mann.

Moonee gestaltet in ihrem Sommer die schäbigsten Orte, Parkplätze, Highway-Ausfahrten, verlassene Ferienhäuser zu einem Erlebnispark. Das ist wunderschön zu erleben. Und Sean Bakers Sicht auf die Figuren und ihre Welt schöpft aus dem Herzen des Humanismus: Weder regelt der Gegensatz von Gut und Böse seine Welt, noch werden die Ärmsten der Gesellschaft in irgendeiner Weise bloßgestellt. Sie bleiben Könige und Königinnen, sie bleiben das, was zahlende „Customer“ in Disneyland darstellen.

Ein sehr schönes Detail zum Abschluss: Das Motel, wo die Welt sich (er-)findet, schaut auf einen Hubschrauber-Landeplatz. Ich habe selten eine schönerer Metapher erfahren für den Blick der Armen auf die Welt der Reichen. Die Armen leben im Motel, sie schauen zu, wie die Reichen abheben. Ihnen bleiben einzig zwei Möglichkeiten: „Fuck you“ zu rufen, den Finger zu zeigen, oder zu winken. Die Ärmsten werden in die Welt der Hubschrauber so schnell nicht aufgenommen. Einen Sommer lang müssen sie es auch nicht, denn sie sind Könige.

 

 

Netflix

Über Schweden und Männlichkeit

Wie toxischen Männlichkeit, Feigheit und Schwedens Wäldern zusammenhängen, besprechen Eral und Georg in einer kleinen Bonusepisode zu THE RITUAL.

THE RITUAL ist ein Horror-(Creature)-Film, das weltweit auf Netflix läuft. Es bietet altbewährte Genre-Kost und ein paar Neuerungen. Georg und Eral besprechen, ob es lohnt, den Film zu schauen. Und sie halten sich mit Spoilern sehr zurück.

 

 

Der Podcast ZWISCHEN BABY UND BILDSCHIRM ist auf den meisten Podcatchern zu finden, z. B.: Itunes, Stitcher, Deezer u.a. Hört rein! 🙂

Serie

Von nichtssagenden Titeln und Banken

BAD BANKS findet sich in den Mediatheken von Arte und ZDF. Ich kann mich nicht erinnern, solch eine gute deutsche Serie je im Fernsehen gesehen zu haben. Ich bin noch nicht durch, ich hoffe, die Auflösung verspricht, was die ersten beiden Folgen anteasern.

Hier ein paar Stichpunkte, warum die Serie so gut ist:

  • Das Bankenmilieu ist als weiß und männlich verpönt – und ist im wahren Leben vermutlich auch vermutlich so. Deshalb ist es doppelt so schön, eben nicht die Männer im Zentrum der Serie zu sehen, sondern Frauen. Konfliktpotential hoch zwei.
  • Mit den jungen Frauen und ihren Ansprüchen an sich und an die Gesellschaft werden die jungen Zuschauer abgeholt. Ein guter Einstieg in die Welt der Hochfinanzen, zugleich sind die Figurenbeschreibungen nicht belehrend gehalten, sondern bleiben das, was sie sind: Figurenbeschreibung. Super!
  • Die Männer kommen nicht zu kurz – wie könnten sie jemals? Die Serie bietet trotzdem nicht den großspurigen selbstüberschätzenden weißen Mann, der heute quasi die Blaupause aller gesellschaftlicher Verachtung geworden ist. Wenn die Figuren nicht im Drehbuch klar dinstinguiert beschrieben wurden, werden sie es durch die Besetzung. Tobias Moretti, toll! Wohingegen der koksende Rüpel gleich in der ersten Folge abschmiert – Abgesang an das Klischee..
  • Was zählt ist Leistung und Sieg jenseits der Stereotypen. Diese Moral wird propagiert, die Besetzung, die vielen Sprachen in einem Büroraum, versprechen eine Gemeinschaft jenseits von Ethnien (und Geschlecht), vereint im Sexismus gegen den Körper der jungen Frau (immer als Metapher in diesem Milieu präsent). Vielschichtig!
  • Die Dialoge sind überraschend (!) gut; mitunter irritiert der harsche Ton im Büro etwas – aber vielleicht soll das auch zum Lokalkolorit beitragen

Ich bin sehr gespannt, wie die Serie weitergeht und kann sie nur empfehlen. Einzig der Titel hört sich etwas oll an. Aber nun ja…