Zusammen mit Arno Stallmann von Filmschreiben.de haben wir eine fruchtbare Diskussion über die Do’s und Don’ts der erfolgreichen US-Serie THIS IS US (Das ist Leben) geführt.

Hört mal rein 🙂

https://soundcloud.com/user-769216440/folge-24-this-is-us-das-ist-leben-feelgood-melodrama-auf-rtl-amazon-prime-itunes

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Ich habe gerade die erste Folge der Serie BERLIN BABYLON gesehen (die komplette erste Staffel ist in der ARD Mediathek frei verfügbar).

Ich hatte Schwierigkeiten, die Fiktion zu betreten. Kurz: Die Serie konnte nicht ihre Gemachtheit verschleiern.

Das sollte aber das oberste Gebot sein bei Mainstream-Serien: Der Zuschauer muss schnell die Welt der Fiktion betreten können. Und am liebsten für immer drin verweilen wollen.

Weshalb gelang es mir beim besten Willen nicht, mich auf die Figuren und die Erzählung einzulassen?

Hier ein paar Gründe:

*Die Schauspielführung: die Schauspieler betonen selbst unbedeutende Dialogpassagen streng, und kitzeln Bedeutung selbst an den Stellen heraus, die von selbst den Zuschauern einleuchten. Sie generieren Über-Bedeutung. Anders gesagt: Die Schauspieler (besonders die Hauptrollen: der Kommissar und die Typistin) betonen zu stark das Dramatische. Der Effekt: Momente, die der Zuschauer durch Fantasie und Einfühlungsvermögen entdecken könnte, werden niedergewalzt.

*Uli Harnischs Szenenbild: Uli Harnisch, einer der legendären Szenenbildner Deutschlands, scheint mit dieser Serie an seine Grenze gestoßen zu sein. Die Sets sehen nach Theaterbühne aus, und als Zuschauer verliert man nie das Gefühl, dass diese Räume für die entsprechenden Szenen entworfen wurden. Dieses Gefühl muss nicht dem Serien-Genuss konträr laufen, hier aber drängt sich die Wahrnehmung auf, dass die Macher gescheitert sind, glaubhafte Räume zu entwerfen.

Vielleicht ist das Scheitern des Szenenbilds aber auch nur dem Budget geschuldet…

*Der Erzählton: Die Serie scheint sich nicht sicher zu sein, ob sie eine Genre-Erzählung präsentiert oder das Rad für Berlin-Erzählungen-in-den-Goldenen-Zwanzigern neu erfinden möchte. Beispielsweise: Gleich die erste Verfolgungsjagd ist eine generisch und unoriginelle Genre-Szene, altbekannt aus Polizeifilmen. Die Serie schafft es nicht, mich von der Einmaligkeit dieser Szene zu überzeugen. Sie ist einfach ein Imitat von Genre-Szenen – und das nicht einmal besonders gut.

* Die Regieführung: Die unausgegorene Énoncé der Erzählung zeigt sich in der Bildgebung. Die Bilder haben Mühe, sich an einer Tradition zu orientieren. Natürlich sieht alles wunderbar stimmungsvoll aus. Aber darum geht es nicht. Dem Zuschauer müssen klare Angebote gemacht werden, wie und in welchen Bild-Kanon er die Bilder einzuordnen hat: Romantik, Horror, Action usw. Hier bleibt alles offen.

*Heterogenität ist der Teufel. Fiktionen lassen sich leichter betreten, wenn sie einheitlich sind. Die Aneinanderreihung der Szenen erinnert aber eher an ein lose geschnürtes Paket aus einzelnen Szenen als an einen einheitlichen erzählerischen Entwurf, der alles trägt.

Tom Tykwer hat in seiner Filmemacher-Karriere zwei geniale Filme gedreht: LOLA RENNT und WINTERSCHLÄFER. Leider warten wir immer noch darauf, wieder einen guten Film (oder eine gute Serie) von ihm zu sehen.

Eine Anmerkung, die ich mir erlauben möchte bzg. Migranten in deutschen Erzählungen.

Wenn eine Minderheit mit bestimmten Eigenschaften dargestellt wird (dabei kann die Person gerne individualisiert sein, sprich: keine Karikatur), wäre es sehr empfehlenswert, Gegenmodelle innerhalb der Erzählung zu entwerfen. Wenn es nur einen Türken in der Erzählung gibt, und diese Figur ist böse, hasst Kurden usw. dann kann hier durchaus der Vorwurf berechtigt sein, dass man eine Minderheit oder Ethnie falsch darstellt. Der gute Wille des Autors ist nur halb so relevant für die Beurteilung des Stoffes.

Gegenmodelle können mit ihren Werten im direkten Gegensatz zu der bösen Minderheiten-Figur stehen. Oder aber sie sind einfach in der Story da, als Zeichen dafür, dass es auch anders geht.

Beispiele aus deutschen Serien: 4 BLOCKS oder IM ANGESICHT DES VERBRECHENS.

Hier entsteht der klassische Fehler, dass alle (wirklich, alle!) Migranten und Ausländer, die man zu sehen bekommt, Kriminelle sind. Eine unheimliche Engführung von Migration und Kriminalität ist die Konsequenz. Dies wird nicht explizit thematisiert, aber als Zuschauer nimmt man mit: Vorsicht bei Ausländern, besonders Russen, Arabern, Türken, die stehen alle der Kriminalität nahe, kommen aus dem Milieu oder sind gleich Schwerverbrecher.

Wie kann man diesem für Zuschauer oft unbewussten Eindruck entgegenwirken? — Man zeigt Migranten in Rollen, die oft von weißen Männern und Frauen gespielt werden. Migrant-Sein wird so zur Alltäglichkeit, keine Auffälligkeit und kein Differenzierungsmerkmal.

Die Aussage: „Es gibt auch gute Ausländer“ bestätigt eigentlich nur den Spruch: „Alle Ausländer sind Kriminelle (oder dumm, oder ungebildet oder böse usw.)“. Diese Differenz darf nicht in den (filmischen oder literarischen) Diskurs eingeschrieben sein. Das ist wichtig, in Deutschland aber gar nicht so einfach.

Wie machen es die USA, die in der Hinsicht „weiter“ sind? — Da gibt es den schwarzen Hacker, den Latino-Cop usw. Das meiste davon ist ein Klischee, eine gesellschaftliche Fiktion. So viele schwarze Anwälte oder Hacker, wie sie in Serien gezeigt werden, gibt es natürlich nicht. Und die Zuschauer wissen das. Aber trotzdem ist es ein Schritt in die richtige Richtung. Anderssein fällt weniger auf, wenn in den Büros der Serien automatisch immer auch Anders-Aussehende am Tisch sitzen. Die USA hat mit dieser Casting-Politik früh begonnen — da gab es dann natürlich etliche Verfehlungen: z. B. der Afro-Amerikaner in Slasher-Filmen, warum muss er immer sterben? Auch aus diesen Fehlern lernt die Filmwirtschaft und es gibt einen Diskurs, wie Minderheiten gezeigt werden sollen.

Wie eine Minderheit gezeigt werden soll, ist also weniger eine Frage, die man an den Inhalt stellt, sondern eher eine „politische Entscheidung“. In der Art und Weise, wie man eine Figur zur Erscheinung bringen möchte, trifft man eine Aussage über die Gruppe, der die Figur zugehört. Das ist leider immer so, ein Automatismus, dem man nur schwer entrinnen kann. Die Farbe des Hintergrunds all dieser Entscheidungen ist: weiß (und männlich), das ist nun einmal auch heute noch die Norm.

Und es kann sein, dass das Verfolgen der „politische Entscheidung“ die Gefahr birgt, keine sonderlich „realistischen“ oder milieu-getreuen Resultate zu zeitigen. Das stimmt vollkommen. Die Frage ist, ob man das schlimm findet. Oder nicht. (Ich finde es nicht schlimm.)

Es tut sich etwas, auch in Deutschland.

Denn der zweite Schritt in die richtige Richtung: Migranten-Themen, Frauen-Themen usw. sollten am besten auch von Migranten, Frauen usw. geschrieben werden. Da fallen dann schnell solche behelfsmäßig errichteten Rollenmuster ganz weg. Und der dritte Schritt: Vertreter der Minderheiten schreiben auch den Mainstream-Stoff und nach und nach entstehen neue Erzählungen mit alten Inhalten, bis vielleicht mal die Unterscheidung in Fremd-Ursprünglich oder Minderheit-Mehrheit nicht mehr so relevant geworden ist….

Mal schauen!

HE-MAN und Bill Hader

Die neue Podcast-Folge ist online – hört rein! 🙂

Georg und Eral haben wieder zwei Serientipps: BARRY, eine neue HBO Comedy mit Bill Hader, entstanden im Writer’s Room von Alec Berg, ist großartig. Ein Killer beschließt, Schauspieler zu werden. Blöd nur, dass seine beiden Lebenswelten nicht kombinierbar sind und er von der Mafia gejagt wird.
Georg stellt die Netflix-Serie THE TOYS THAT MADE US vor, eine Dokuserie über die Spielzeuge unserer Jugend. Genau, es geht um Barbie und He-Man. Der Blick der Serie auf die Spielsachen entdeckt uns Neues und überrascht.

Den Podcast gibt es auf allen Podcatchern: Itunes, Deezer, Soundcloud u. v. m.

4 BLOCKS

Die Serie läutete den deutschen Serien Boom ein und Eral und Georg finden sie spitze. Die Rede ist von TNTs 4 BLOCKS, organisierte Kriminalität in Berlin-Neukölln. Hört sich spannend ein, ist sie auch, zudem kurzweilig und packend. Die Serie bekennt sich zu Genre-Tropen und zum Mafia-Genre, natürlich kommen Georg und Eral auch auf DER PATE zu sprechen.

DIE WOCHE ist wirklich toll

Es fällt mir schwer, dies zuzugeben: Ich mag Adam Sandler Filme. Nicht alle, natürlich nicht, Gott bewahre. Aber so ein paar: Beide Teile von GROWN UPS haben mich überrascht, Blockbuster, die so nachlässig und entspannt erzählt sind wie so manch ein toller amerikanischer Indie-Film – und die Filme waren sogar lustig, nicht immer, nicht überall, aber irgendwie schon, im Durchschnitt…

Dann gibt es noch YOU DON’T MESS WITH THE ZOHAN, der zu meinen Lieblingsfilmen gehört. Der Film versucht nicht einmal, einem traurigen Konflikt aus dem realen Leben (Isral vs. Palästina) Tragik zu verleihen. Der Film antwortet direkt auf die Misere der Welt mit stark überhöhtem (aber nicht nur!) Slapstick Humor. Der Film ist großartig!

Nun gibt es also neu auf Netflix: THE WEEK OF, in der Chris Rock als Co-Star auftritt. Ja, ich mochte den Film. Nein, es ist kein guter Film (in welchem Sinne auch immer), THE WEEK OF ist aber sympathisch, ist ein fauler Film, zeigt nicht die kleinste Anstrengung für eine durchgehende, spannende Handlung. Momentaufnahmen aus dem Leben zweier Familien reihen sich aneinander an, mit Figuren, die betont Allerweltscharakter haben und schrullig sind. Ein wunderbares Casting und tolle Schauspielführung ergänzen Adam Sandlers Naturalismus.

THE WEEK OF ist ein liebenswerter Film, ein Film mit viel Humanismus, mit viel Nachsicht für unsere Fehler und unseren Ehrgeiz, unsere Neurosen und unsere großen Ängste in den trivialsten Begebenheiten im Leben.

Also doch ein starker Film 🙂

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