Tony Soprano und Neffe
Familienbande mit Karriereoption (Bild von HBO)

Die Mafia wurde ein eigenes Film-Genre spätestens mit Puzos/Coppolas GODFATHER – eine Machtstruktur, die selbst zum Bewegtbild geworden ist. THE SOPRANOS tritt das Erbe an, das Mafia-Genre zu zitieren und elegant ins einundzwanzigste Jahrhundert zu führen.

Das geschieht in der zweiten Staffel der Mafia-Serie nicht weniger als durch einen genialen Zaubertrick.

Der Trick besteht darin, die Blaupause für den Figurenkonflikt der Staffel elegant zu verstecken.

+++ Spoiler für Staffel zwei von THE SOPRANOS folgen +++

Weiterlesen „Der Zaubertrick – SOPRANOS, 2. Staffel“
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Der Anwalt Falk schaut, wie Anwälte nun mal gucken (Promobild der Serie)

Beim Schreiben denken wir uns Geschichten aus, bauen Beat für Beat eine Abfolge an Momenten, die sich bestenfalls bedingen oder zumindest in Beziehung stehen. Das ist der eine Teil des Jobs.

Der andere ist aber auch, dass wir uns beim Schreiben überlegen müssen, ob eine Szene visuell funktioniert. Die Szene kann auf dem Papier originell, überraschend, spannend wirken, neugierig machen oder lustig sein. Jedoch scheitert sie schon als dramatische Einheit, wenn sie visuell nicht überzeugt.

Das beste Beispiel, wie man es nicht machen sollte, liefert mir gerade der Beginn der Serie FALK. Eine ARD-Serie, die gerade auch auf Netflix läuft.

Die erste Szene jeder Serie ist mitunter die bedeutsamste. Wir begegnen der Figur, der wir unsere Lebenszeit schenken sollen, zum ersten Mal. Die Figur soll uns mit ihrer Exzentrik, ihrem Genie, ihrem Humor, ihrem Charakter usw. umhauen.

Eine Serie hat viel mit Liebe auf den ersten Blick zu tun.

FALK beginnt mit der gleichnamigen Hauptfigur in einem Hotelzimmer beim Ankleiden. Dann bringt die Serie eine gute Minute Screentime dafür auf, dem Herren beim Grübeln und Knobeln zuzugucken: Er muss sich an eine Kombination erinnern und einen Aktenkoffer öffnen.

Das ist alles. Das klingt in der Nacherzählung ziemlich banal.

Und es sieht noch schlimmer aus.

Es langweilt.

Ich finde diese Szene paradigmatisch für ein gewisses Problem, das mir bei Drehbuchautoren im Gespräch oft begegnet: Eine Szene kann noch so toll konstruiert und „handwerklich schlüssig“ sein, sie muss zuerst visuell überzeugen.

Wie sieht die Szene als Film aus? Hier entscheidet nicht der Logos, die Ratio des Szenenaufbaus. Sondern der Geschmack des Autoren.

Viele Autoren legen auf diese Tatsache keinen Wert oder denken, die visuelle Attraktivität zu erzeugen sei Aufgabe des Regisseurs.

Irrtum. Die Aufgabe stellt sich zuerst dem Drehbuchautor.

Was kann man hier konkret machen? – Beim Drehbuch-Schreiben sollten wir uns klarmachen, dass das Buch zuerst nur eine Vorlage ist. Eine Anleitung für das Setzen von Licht, den Einsatz von Ton und das Aufstellen von Schauspielern.

Die Arbeit der Inszenierung fängt beim Schreiben an. Wir schreiben so lange an einer Szene herum, bis sie unser geistiges Auge fesselt. Erst dann ist die Szene wirklich gelungen.

Loriots Kunstpfeifer

Der Kunstpfeifer (externer Link auf YouTube)

Loriot gehört zu den Klassikern – der Mensch ebenso wie sein Werk. Als ich Loriots KUNSTPFEIFER seit langer Zeit wieder einmal gesehen habe, fiel mir auf, wie klar und einfach (als Gegensatz von: unnötig kompliziert) der Sketch gestaltet ist. Der Sketch dauert zwei Minuten und vierzig Sekunden – und in dieser Zeit finden sich gängige universelle Gestaltungselemente einer Art von Dramaturgie, die auch bei Filmen Verwendung findet.

Der Konflikt: Kurz nach der Einführung geht es einzig um die Frage, ob der Kunstpfeifer den ungläubigen Moderator von seiner Pfeifkunst wird überzeugen können. Der Moderator meldet Zweifel an, wird aber am Ende umgestimmt. Der Konflikt steigert sich, bis der Moderator sich vorlehnt, den Pfeifer bedrängt. Der Konflikt endet mit der Klimax: Der Moderator pfeift selber, wird aber zurecht gewiesen, der Kunstpfeifer demonstriert seine Kunst.

Der Sketch gründet sich auf einer einfachen Prämisse: Der Moderator glaubt dem Pfeifer nicht. Die Unterbrechung wird deutlich gemacht durch eine Wiederholung: Der Pfeifer spricht zweimal und beide Male dasselbe. Beim zweiten Mal jedoch wird er vom Moderator unterbrochen – ein Zeichen für den Sinneswandel des Moderators.

Zuletzt gründet sich der Erfolg und Großartigkeit der zwei Minuten und vierzig Sekunden auf der Tatsache, wie gut nachvollziehbar und plausibel der aufkommende Zweifel, die Konfrontation und die Auflösung durch (pfeifende) Überzeugung gezeichnet wurden.

Die Komik hingegen fußt auf einer anderen Konstante: Der Tatsache, dass sich der (Fernseh-)Zuschauer gerne den Charakteren überlegen fühlt. Einen schlechten Pfeifer als Könner und das Pfeifen überhaupt als Kunst anzuerkennen, mutet einfach absurd an.

#dramaturgie #loriot

Familienbild mit Patriarch Tony (HBO Promotionsmaterial)

Kino und Filme lassen seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur Moralprediger schlecht aufstoßen. Sie waren und sind auch heute noch Ziel von Zensurbehörden. Das bewegte Bild gilt als besonders beeinflussend, weil stark einprägsam, und, wenn man so will: die Seele korrumpierend. Nicht zuletzt waren Filme in totalitären Regimes DAS Mittel, um die Bevölkerung bei Laune zu halten oder zielgerichtet das gesellschaftliche Narrativ zu formen.

Im Gegensatz zum Wort ist eine Bilder-Syntax vor-sprachlich, d. h. man muss nicht zwingend eine Sprache beherrschen, um sie zu verstehen, auch wenn sich bewegte Bilder leicht einer sprachlichen Grammatik (und Bedeutungserzeugung) unterordnen lassen. (Deshalb gibt es auch heute noch Drehbücher…)

Am Argument, Filme beeinflussen Menschen leichter als andere Medien, ist also etwas dran.

Jedoch kann diese Kritik in den meisten Fällen ziemlich leicht ignoriert werden. Zuschauer sind eigenständige Wesen, einen Film schauen heißt eine Erfahrung machen, die dem Spielen sehr nahe kommt. Man probiert Rollen, Konstellationen und Narrative aus und verzichtet auf jegliche existentielle oder leibliche Bedrohung.

Bisher hat noch niemand im Kinosaal einen Finger verloren.

Wann aber kann die visuelle Maschine der Bedeutungserzeugung zum Problem werden?

Sie wird es vor allem in der narrativen Behandlung von Verbrechen, Kriminalität und Handlungen gegen die Würde des Menschen. Denn Narration setzt einen Standpunkt, eine Perspektive voraus. Zu leicht identifiziert man sich plötzlich mit dem Täter statt mit dem netten Opfer.

Doch lassen wir mal den Moralprediger schweigen.

Schauen wir ganz pragmatisch auf Filme und Serien. Wie schafft man Empathie und bestenfalls Sympathie für zwielichtige Charaktere und Kriminelle, die nach eigenem Gesetz leben und die Gesellschaft ausbeuten? Kurz: professionelle Gangster und die Mafia?

Eine Antwort dazu gibt uns HEAT: Habe immer eine Figur, die noch böser ist als die vermeintlich Bösen. Der ultimativ Böse ist der Gegenspieler, die Zuschauer hassen die Figur so sehr, dass sie den „guten“ Gangstern, die zumindest an etwas glauben, Empathie entgegenbringen. Robert De Niro spielt in HEAT einen Mann, den keiner von uns in seinem Leben haben möchte. Trotzdem finden wir es richtig, dass er Waingro erschießt, den „bösen“ Bösen, der zum Spaß tötet – und dann auch noch Mädchen.

Die beste Antwort auf die Frage, wie und wann mögen wir Mafiosi, formuliert der HBO-Klassiker THE SOPRANOS. Zeige die Gangster in Alltagsreibereien, führe sie in Alltagsproblemen als Menschen wie du und ich vor, stürze sie in komplizierte und emotionale Beziehungen und Dilemmata, die vor allem die Familie betreffen. Beziehung zu den Kindern, der Ehepartnerin, der Mutter – das sind die affektiv am stärksten aufgeladenen Beziehungen. Wenn die Figuren dann mit einer schlimmen Entscheidung nach der anderen konfrontiert werden, dann fühlt man mit, man erkennt das Universell-Menschliche in ihnen und verzeiht den Jersey-Boys die ein oder andere Leiche, die aus dem Hudson River gefischt wird.

THE SOPRANOS dürfte man als Moralprediger nicht gucken. Doch haben die Autoren so viel Sorgfalt auf die Familienprobleme gelegt und sie so sorgsam entwickelt, man muss der Mafia einfach das Morden verzeihen.

Nicht zuletzt liegt es auch an der Besetzung der Rolle Tony Soprano mit James Gandolfini, der brutal-grobschlächtig wie auch kindlich einfach, warmherzig und sensibel erscheinen kann. Und warmherzig und sensibel sind in der Kombination immer Sympathiemagneten beim Publikum.

#hbo #thesopranos #drehbuch #dramturgie #serie #tvshow

Sorkin und Molly

In MOLLY’S GAME fiel mir eine Szene besonders auf. Gegen Ende des Drehbuchs sprechen Molly und Charlie off the record mit dem Staatsanwalt. Warum das Meeting stattfindet, warum sie sich unter sechs Augen getroffen haben statt im Gerichtssaal – mit dieser Info rückt die Szene erst viel später heraus.

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Richard Kimble hilft, wo er nur kann

Figuren haben Eigenheiten, Charakterzüge usw. – klar. Aber sie handeln und lösen auch Situationen auf eine bestimmte Art und Weise. Und wie sie etwas lösen, wie sie in einer Situation reagieren, das sollte in einem Film einheitlich sein. Wenn es einheitlich geschrieben ist, dann wirkt die Figur glaubhaft, nimmt den Zuschauer ein. Und schon ist die Figur ein Empathie-Träger.

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Heute fand das TOP Talente Branchentreffen statt. Ich gehe zum ersten Mal auf diese Verstaltung. Brezel und Weißwürste auf den Tischen begrüßen die Gäste – die Veranstaltung findet statt in der Vertretung des Freistaats Bayern beim Bund. Hört sich altbacken an, der Veranstaltungssaal soll auch so wirken. Die Diskussion der Panel-Teilnehmer gestaltete sich aber im Gegensatz dazu „sehr frisch“, die bottom line des Panels: Die Zukunft sieht rosig und wir (die Autoren) werden alle reich, natürlich, was denn sonst. Allgemeines Gelächter im Saal. Vorhang auf für die brisanten Themen…

Weiterlesen „Nicht erschrecken sondern begeistern auf der Berlinale“

I, TONYA und der Papagei

Ich lese gerade das Drehbuch zu I,TONYA (hier als Download zu finden). Das erste, was mich bei der Lektüre überwältigt hat, sind die Charaktere: Sie überraschen mich mit ihrer Borniertheit, Härte, Bauernschläue – und Armut. Die Geschichte versucht in der Art und Weise, wie die Figuren vorgestellt werden, den richtigen Ton zu treffen: Die Begebenheiten sind so unglaubwürdig bizarr und unwahrscheinlich aber doch wahr, kein Autor hätte sich dies ausdenken können. Und doch sehen wir einen Film, der ebenjene Begebenheiten zu einer kohärenten Story verdichtet.

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