WHEN HARRY MET SALLY ist nicht nur für den brillanten Dialog bekannt (Filmstill)

Es gibt tausende Schreibratgeber, die unzählige Fakten aufzählen, was alles eine perfekte Dialogzeile zu leisten habe. Aber seien wir ehrlich: Jeder weiß sofort, wenn er guten Dialog hört und sieht.

Zuerst: Wie so oft im Leben ist das Wichtigste auch das Eindeutigste: Guter Dialog muss einfach über die Lippen gehen.

Wenn Verständlichkeit und Sinn gegeben sind, können wir weitermachen:

Schauspieler, talentierte und künstlerisch ausgebildete Menschen, werden sich die Zeilen einprägen, auf den richtigen Moment in der Szene warten und dann den Satz aufgeladen mit Gefühl vortragen.

Starke Dialoge sind Material, das Menschen oder menschlich beseelte Dinge nutzen können, um miteinander zu kommunizieren.

Und so sollten wir sie auch behandeln – als Material für einen kreativen Prozess.

Wenn die Dialog-Zeile später auch als Catch-Phrase oder Lebensweisheit funktioniert – um so besser. Aber keine Voraussetzung.

Zuerst zu der Form und den dramaturgischen Anforderungen. Beispiele und Tipps sind Legion.

Wir sollten beachten, was uns die Ratgeber vorformulieren. Zugleich sollten wir wissen, dass das Hinweise sind, die geschrieben wurden, nachdem der Film oder die Serie geschaut wurde.

Hinterher ist man immer schlauer…

Für mich als Autor ist eine andere Herangehensweise ergiebiger.

Wie entstehen emotional starke Dialoge aus dem Nichts? Da wir nicht über Mono- sonder über Dia-loge sprechen, braucht es mindestens (und oft auch: bestenfalls!) zwei für einen gelungenen Sprachaustausch.

Hier also drei kleine Ratschläge, die meine Herangehensweise stark prägen:

  1. In welcher Gefühlslage befinden sich die Figuren? – Egal, was der spezifische Charakter der Figur, die Backstory usw. ist, mit welchem Gefühl geht die Figur in die Szene, wie fühlt sie sich? Das ist aus einem besonderen Grund wichtig: Die Figuren, die in Dialog treten, sollten unterschiedlich, am besten gegensätzlich emotional gestimmt sein. Es macht keinen Sinn, eine Dialogszene zu schreiben, in denen beide Figuren wütend sind. Das hält sich nur für lange und peinliche zwei Sekunden. Die Lösung ist: Kombination und Ergänzung. Wie wäre es, wenn die eine Figur zornig ist, die andere apathisch bis reumütig? – Die Reaktion des Gegenübers stößt den Zornigen vor den Kopf. Wut weicht – Trauer?, Mitleid? … das ist alles möglich und spannend. Ähnlich mit Humor: Wenn der eine fröhlich Witze reißt, muss der andere stoisch bleiben. Wenn beide lachen, lacht nicht das Publikum. (Dieser Punkt ist inspiriert von Craig Mazin aus dem Podcast Scriptnotes.)
  2. Figuren reagieren auf Unmittelbares und Gesehenes. Lasst die Figur nicht in Erinnerungen schwelgen. David Mamet nennt solche Szenen: Wenn die Figur über die tote Katze berichtet (dead cat scene)… Das hindert den Auftritt, schiebt eine weitere Ebene zwischen Zuschauer und Darsteller und hemmt den Fluss der Handlung. Langweilig.
  3. Nun die formalen Fragen: Beachtet Tempo und Rhythmus der Szene. Das heißt ganz allgemein: Dialog für eine frech-spritzige Verwechslungskomödie schreibt sich anders als für knochenhartes Drama. Aber auch im Kleinen tun sich rhythmische Variationen auf: Folgt der Dialog des Kommissars und der Zeugen immer nur dem Frage–Antwort–Muster? Wie kann man das aufweichen? Und im mikroskopisch Kleinen der Beats (der aufeinander abfolgenden Dialogzeilen) bedeutet dies: Gibt es störendes oder willkommenes „Wort-Clustering“? Was ist der Sprach- und Denk-Rhythmus der Figuren, ihre Eloquenz? Ist hier wirklich eine Warum-Frage nötig (hemmt das Tempo wie ein Stoppschild den Verkehr), oder kann die Figur lieber eine Hypothese formulieren, damit ihr Gegenüber gleich etwas zum Reagieren und Drauflossprechen hat?

#schreiben #dialoge #tipps #ratschlag #film #serie

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Filmstill aus der aktuellen South Park Folge, The Mexican Joker

Nur wenige Serien produzieren solch beißende, originelle Satire wie SOUTH PARK. Die Autoren führen seit Jahrzehnten vor, was gelungene und, für Satire wichtiger: gesellschaftlich relevante Gags bedeuten.

Es gibt eine brandneue Folge, die mich wieder von den Qualitäten des Formats überzeugt hat. Satire heißt hier: mit gesellschaftlich relevanten Themen zum Lachen zu bringen.

Hier ist das Setting, das für Satire gut funktioniert:

1. Die Anspielung muss klar sein. Genauso, wie die Story, die Figuren und die Ziele innerhalb der Welt plausibel erscheinen, im selben Maß ist in jeder Szene der Verweis auf die Realität mitgedacht. Satire ist zugleich: Imitation und Überhöhung unter der Tarnkappe des Kommentars.

2. Es braucht gesellschaftlich relevante Themen, die die Gesellschaft stark polarisieren, also emotional bewegen. Die oft gegensätzlichen Meinungen zu den Themen müssen greifbar wie Dinge sein. Bestes Beispiel: Die Deportation von Einwanderer-Kindern in den USA.

3. Die Serie steht unter der Herrschaft einer einzigen Perspektive zu dem Thema. Diese auktoriale Ansicht ist eindeutig etabliert und starr – sie steht nicht zur Diskussion. Damit ist auch das Folgende wichtig: Die Perspektive darf nicht explizit in der Folge auftauchen, nicht versprachlicht werden, sie setzt die Spielregeln und als Regel entzieht sie sich selbst dem Spiel.

Zurück zum Beispiel: Es geht nicht darum, zu sagen, dass die Deportation von Einwanderer-Familien schlecht ist. Diese Perspektive drängt sich durch die Szenen, die Figuren-Konstellation und die Handlungsschritte jedem Zuschauer auf.

Satire ist kein Unterrichtsstoff, sie darf niemals didaktisch werden. Sonst verliert sie ihr wichtigstes Instrument: den Witz.

4. Die Quelle des Humors gerade bei SOUTH PARK: Die Figuren ziehen die falschen Schlüsse aus quasi eindeutigen Sachlagen und rational nachvollziehbaren Beziehungen. Das relevante Ereignis knüpft an unseren (rationalen) Erfahrungen an, der Umgang der Figuren damit entfremdet und überhöht die Handlungen. Die Figuren steigern sich in immer abstrusere Aktionen hinein.

Es scheint mir, dass Satire um so erfolgreicher die eigenen Argumente für oder wider etwas in Stellung bringt, um so klüger und leiser sie ihren eigenen Standpunkt hinter dem Plot und den Gags verstecken kann. Satire — die große Schmugglerin.

#southpark #satire #tvshow

Coverbild von meinem Fantasy-Roman

Endlich ist DAS ERWACHEN DES GREIFENREITERS online. Puh, das war ein Akt.

Auf Amazon findet sich die Fortsetzung zu meinem Bestseller von 2018, DIE RÜCKKEHR DER GREIFENREITER.

Lest gerne rein – und zwar hier.

#selfpublisher #highfantasy #fantasy #amazon #kindle #deutsch

Kritische Blicke kurz vor dem gemeinsamen Höhepunkt (Filmstill, Studiocanal)

Starbesetzte Mainstream-Komödien anspruchsvoll zu schreiben ist schwer. Sie müssen zum einen ethisch sauber und massentauglich (d. h. für alle Märkte der Welt) wirken, zum anderen müssen sie auch wirklich Neues bieten können – sonst geht ja niemand mehr ins Kino.

BAD SPIES ist der Prototyp dieser Mainstream-Komödien, die zunehmend vom Dunkel der Kinosäle ins Helle der Streaming-Plattformen abwandern. Leider wäre auch dieses Exemplar einer verfehlten Komödie besser bei Netflix als auf der Leinwand aufgehoben.

Schauen wir uns an, woran der Film scheitert. Der erste Akt möchte die Heroine auf Reisen schicken. Sie soll einen Auftrag, den ihr Ex-Boyfriend angenommen hat und an dem er arbeitet, zu Ende bringen.

Okay.

Das könnte man eventuell noch glaubwürdig und überzeugend motivieren: Eine Szene, die uns zeigt, dass die Heldin über die benötigten Fähigkeiten verfügt – aber sie ist noch zu schüchtern oder gehemmt, um sie zielführend einzusetzen. Eine andere Szene, wo ihr eine ähnliche Verantwortung übertragen wurde, sie aber daran scheitert oder den Auftrag gar nicht erst annimmt. Und schließlich die dritte Szene, in der sie ihr Boyfriend hinaus in die Welt schicken muss – gegen ihren und seinen Willen, aber es muss so sein. Und diesmal nimmt sie an. In drei Charakter-Szenen hätten wir unsere Heldin ready für den zweiten Akt. Ihre Entwicklung könnte so „plausibel aufgehen“.

Aber in BAD SPIES kommt ein weiterer Moment hinzu, eine emotionale Belastung, die das Gefüge aus den Gleisen hebt: Der blutige Tod des Boyfriends vor den Augen seiner Freundin. Ein traumatisches Erlebnis.

Die an den Tod anknüpfende Szene entbehrt dann jeglicher psychologischer Glaubwürdigkeit und „verliert“ den Zuschauer: Die Heldin muss bei Verstand bleiben und sich vor dem Zuschauer rechtfertigen, nach diesem Ereignis inkognito in ein Flugzeug zu steigen und nach Wien zu fliegen. Der Dialogaustausch mit der Freundin wirkt so sehr an den Haaren herbeigezogen, dass er nicht einmal der Absurdität der Situation Rechnung trägt.

Klar. Ähnliche Szenen kommen besonders in komplexen Genre-Filmen zur Anwendung: Ich denke hier an Figuren, die uns Zeitreisen erklären und es so ausführlich machen, dass man als Zuschauer gar nicht mitkommt usw. Die Szenen transportieren weniger Informationen oder emotionale Konflikte, als dass sie den Zuschauer bei der Plot-Stange halten sollen, Unglaubwürdigkeit schwächen und Plausibilität schaffen sollen.

Diese Art von Szenen sind immer etwas peinlich anzuschauen. Und hier noch mehr als sonst.

#drehbuch #badspies

Über die Fehler im Story-Telling

Animiertes Video aus dem Spiel OVERWATCH (externer Link via YouTube)

Charaktere und ihre besonderen Fähigkeiten sollen in Aktion vorgestellt werden. Das ist besonders relevant, wenn es um Computer-Spiele geht.

Doch sollte der Effekt nicht dem Inhalt zum Opfer fallen. Schnell fällt dann auf, dass der Handlungsverlauf keinen Sinn ergibt. Zum Beispiel bei diesem Video aus dem erfolgreichen Spiel OVERWATCH. Die Charaktere werden einer nach dem anderen eingeführt und in ihrem Bemühen vereinzelt, einen Limousinen-Konvoi zum Stoppen zu bringen.

Das sieht schön aus, ist wunderbar geschnitten und atmosphärisch gestaltet.

Aber es macht keinen Sinn: Warum treten die Figuren immer einzeln auf, warum nicht gleich den Engel mit dem Blend-Blitz einführen und dann alle zugleich attackieren?

Natürlich, die Antwort lautet: Weil es auf die Art einfach besser aussieht. Aber oft verdirbt Sinnlosigkeit den Spaß an der Action.

#overwatch #blizzard #cutscenes #video #youtube

Filmstill aus der legendären Romantik-Comedy mit Jack Nicholson und Helen Hunt: AS GOOD AS IT GETS (deutsch: Besser geht‘s nicht)

Simon Bishop, ein feinfühliger Maler, liegt im Krankenhaus. Er wurde ausgeraubt und zusammengeschlagen. Ihm geht es den Umständen entsprechend gut. Aber er hat sich selbst noch nicht im Spiegel gesehen, hat sein entstelltes und vernarbtes Gesicht nicht betrachtet.

Eine untypische Szene für das Genre der Romantic-Comedy.

Romanze hört da auf, wo Gewalt beginnt, klar. Trotzdem hat es die Szene in den Film geschafft. Mehr noch: Statt uns mit der grafischen Darstellung von Wunden abzustoßen oder der herzlichen Fantasie-Welt zu entreißen, weist die Szene ähnliche Merkmale auf wie die Figur Simon Bishop: Sie ist feinfühlig, sensibel – und auf den Punkt.

Weiterlesen „Über die Rollenverteilung in Dialogszenen am Beispiel von AS GOOD AS IT GETS“

Ich bin sehr gespannt. Die Fortsetzung meines Selfpublisher-Romans DIE RÜCKKEHR DER GREIFENREITER ist fast fertig. Das Buch war kurze Zeit ein Bestseller auf Amazon in der Kategorie „Fantasy“. Ich hoffe sehr, dass die Fortsetzung auch Gehör beim Publikum finden wird.

Maurice Mosqua arbeitet schon am Cover. Und ich finde: Das sieht schon großartig aus. Hier ein kleiner Schulterblick: Den Titel „Greifenreiter“ nehmen wir wörtlich 🙂

Beim Titel bin ich mir noch unsicher. Wie wäre es ganz schlicht mit: DER GREIFENREITER?

#ebook #selfpublisher #amazon #kindle #fantasy #autor #cover

Axel Scheffler und Julia Donaldson sind als Kinderbuch-Illustrator-Autor-Paar weltberühmt. Ich schätze, mittlerweile hat jede Familie mindestens ein Buch von ihnen im Kinderzimmer liegen oder stehen.

Auch bei uns im Bücherregal leben ihre mutigen Mäuse, ängstlichen Monster, berühmt-hässlichen Tiere, schlafsüchtigen oder willensschwachen Hasen.

Darunter befindet sich auch das Buch über eine neugierige Schnecke, die von einem Buckelwal durch die Weltmeere getragen wird.

Dieses Buch kann mein Sohn auch heute noch nicht leiden. Es ist das einzige Buch des Duos, das er genervt oder gelangweilt (was bei Kleinkindern oft dasselbe ist) weiterblättert, bevor ich die Möglichkeit habe, ihm die Geschichte detailliert vorzulesen.

Ich habe einen Verdacht.

Der Grund für die Antipathie liegt in der Geschichte. Nicht in den Tieren oder einzelnen Bildern, sondern an der Erzählung, die alles wie magisch verbindet.

Die Geschichte ist sehr einfach und geradlinig strukturiert.

DIE SCHNECKE UND DER BUCKELWAL gliedert sich in mehrere Akte. Es gibt die Einleitung (Schnecke will die Welt sehen und lässt sich was einfallen), den Wendepunkt (Wal geht auf die Bitte ein), dann die Reise durch die Welt (Arktis, Vulkanausbrüche usw.), das Stranden des Wals, die Rettung des Wals durch den Einsatz der Schnecke, die abschließende Rückkehr und den Epilog.

Beim Lesen fiel mir auf, dass mein Sohn den Teil zwischen Einleitung und Stranden des Wals überspringt. Die ganze Exotik, die sich seitenweise entblättert, interessiert ihn nicht. Beim Stranden des Wals ist er aber hingegen wieder ganz Ohr (und Auge).

Ich meine den Grund für die neu entflammte Begeisterung zu kennen.

Natürlich liegt es nicht an der Art, wie ich lese – zumindest hoffe ich das. Sondern an der Art, wie sich die Erzählung aufbaut.

Die Reise durch die Welt ist langweilig, weil die Schnecke zu einem Beobachter und Bewunderer reduziert wird. Sie tut bewundern. Das ist öde für eine Hauptfigur. Klar, durch die Reise soll sie die Erfahrung machen, dass sie ganz klein und machtlos gegen die Wunder der Natur ist. Ihr Beitrag zur Rettung des Wals, als er strandet, wiegt dann dramatisch um so schwerer.

Aber der Abschnitt schafft es nicht, zu faszinieren. Die Prämisse fällt flach aus. Es fehlt die Figur, die zielstrebig etwas sucht, etwas tun möchte, mit einer Situation umzugehen gezwungen ist.

Was zeichnet die Episode nach dem Stranden des Wals aus – was macht sie so spannend, dass mein Sohn der Geschichte, die ihn bis dahin gelangweilt hat, gespannt zu Ende lauscht?

Es ist nicht nur die Zielstrebigkeit und Handlungsmacht der Schnecke – sie rettet den Buckelwal.

Noch wichtiger: Es geht um etwas, um eine nicht nur emotional bedeutsame Situation. Etwas steht auf dem Spiel – überlebt der Wal?

Aber noch wichtiger als Handlungsmacht und Fallhöhe ist die Beziehung der beiden Tiere: Der Schwächere hat die Chance – obwohl er das schwächste Glied in einer langen Reihe von Handlungskraftprotzen ist –, sich zu beweisen, den Freund zu retten. Den einen zu retten, der ihm geholfen hat, als er Hilfe brauchte.

Das ist starkes Drama.

Und dazu gesellt sich die ganze Kraft der Metapher:

Das Kind spiegelt sich in der körperlich schwachen, aber mutigen und intelligenten Schnecke: Endlich hat es die Chance, den Erwachsenen zu helfen. Und dankbar stürzt sich die Kind-Schnecke ins Abenteuer.

#kinderbuch #dramaturgie #grueffelo #kind #vorlesen

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