Die Teenager sammeln Kräfte (Netflix)

Die dritte Staffel von STRANGER THINGS, das Tentpole von Netflix, hat sich mit überraschend viel Selbstreflexivität in Schale geworfen.

Es steht dem Stoff gut.

+++ Wenige leichte Spoiler folgen +++

Weiterlesen „STRANGER THINGS 3 ist unglaublich selbstreflexiv“
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Beste Freunde und Geschäftspartner Lenny und Moritz (Still aus der Netflix-Serie, Promobild)

HOW TO SELL DRUGS ONLINE (FAST) wirft sich in Schale: Szenenbild und Kameraführung erinnern sofort an amerikanische Produktionen – Stichwort: Es dürfen keine weißen Wände im Bild auftauchen! –, kurze animierte Cutaways zwischen den Szenen geben den nötigen Schub an Viszeralität und die fast schon neurotische Fixierung auf Social-Media-Bildschirme zeigt, dass die Macher unbedingt am Zahn der Zeit bzw. am Screen der Jugend bleiben wollen.

Die Serie will es anders machen. Und hat, ähnlich wie DARK vor ihm, erkannt, dass dazu ein hippes Erscheinungsbild, ein ganz eigener Look nötig ist.

Das Feindbild sind sogenannte öffentlich-rechtlichen Sender. HOW TO SELL… will den Ermittlern mit aufdringlichem Privatleben und klinisch sauberen Leichen Paroli bieten und greift zurück auf Genre-Tropen, Jugendslang und Ausdrücke, disruptive Gewalt, realistisch dargestellte Wunden, metaphorisch-bedeutsame Bilder, permanente Voice-Over und direkte Zuschauer-Ansprache.

Alles schön und gut.

Nach zwei Folgen war ich satt.

Ich empfand die Serie als – sagen wir: aufdringlich, als mich ob auf einer Party ein Besserwisser in ein Gespräch verwickeln und mich mit seinen abgefahrenen Ideen und Ansichten unterhalten möchte. Dabei ist er einfach nur langweilig.

Der Serie fehlt nicht das Selbstvertrauen, es fehlt ihr das Herz und so etwas wie menschliche Wärme.

Gerade diese Seite – nennen wir es: menschliche Substanz – ist so viel wichtiger als jeder noch so toll entwickelte Look, der beim Pitch in gläsernen Bürohochhäusern bestimmt leichter überzeugt als eine mündlich vorgetragene, mehrdimensional gezeichnete Figur, die triftige und bedeutsame Entscheidungen zu treffen weiß.

Moritz, die Hauptfigur, jedenfalls ist ein Idiot und Depp.

Beim Entwerfen der Figur kann natürlich die Empathie der Zuschauer durch Tropen mehr oder weniger effektiv gelenkt – aber immerhin gelenkt werden.

Ich habe vier Ansätze gefunden, die bei HOW TO SELL… verwendet werden:

Erstens haben die Macher von BREAKING BAD gelernt. Wenn es schon um Drogen in der Welt der Normalo-Bürger geht, dann sollte der Koch/Dealer aus selbstlosen Motiven handeln. Der Held trifft eine Entscheidung, die ihn auf die schlimme Bahn lenkt. Dann handelt er vor allem aus altruistischen Motiven: Das Amoralische und Unmoralische kann man als Zuschauer der Figur leichter verzeihen als eine Handlung aus pur selbstsüchtigen Motiven. Und natürlich, da wir den Held vor uns haben, sollte jede Entscheidung schön sorgsam als Dilemma präsentiert werden.

Zweitens ist er ein Sonderling und Außenseiter. Das Publikum bringt automatisch dem Außenseiter mehr Empathie oder Sympathie entgegen. Denn – hey! – sind wir nicht alle irgendwo Außenseiter? Hatten wir nicht alle als Teenager das Gefühl, nicht richtig dazu zu gehören? Kitschig, ja, aber effektiv.

Drittens soll die Erfahrung des Verlusts der ersten Liebe uns einen gehörigen Empathie-Bonus schenken. Der Held tut doch alles nur, um seine große Liebe zurück zu gewinnen. Und seine Mama hat ihn auch noch verlassen, der Vater muss nun die Mutter für die Kinder sein – die Geschlechterrollen sind beunruhigend, besonders für einen Teenager. Es gibt ein Defizit in seinem Leben, der sich im doppelten Verlust des Begehrens und der mütterlichen Fürsorge ausdrückt. Kein Erwachsener (die „Freundin“ verweigert ihm den Sex), aber auch kein Kind (die Mutter ist weg) – der Jugendliche soll uns leid tun.

(Es fällt übrigens auf, dass die Autoren und Regisseure alles nur Männer sind. Denken die wirklich, die Entscheidung, einen Drogenumschlagplatz aufzubauen, um seine große Liebe wiederzugewinnen, lässt sich als halbwegs ernste Teenager-Romanze verkaufen? Nun ja, Netflix scheint dem zugestimmt zu haben…)

Viertens, die Meisterschaft des Helden. Er ist einfach ein toller Hacker und Code-Schreiber und kennt sich gut mit Social-Media aus. Kurz: Er kann das, was er macht, besser als die meisten. Der Zuschauer entwickelt augenblicklich Empathie für die Figur, Meister und Genies sind tolle Filmfiguren. Aber hier ist er nicht der Obermeister: Moritz ist nicht halb so gut wie Lenny, er ist der wahre Meister in der Serie.

Das Entwerfen der Empathie-Boni misslingt, da zwar wichtige Eckpfeiler für eine emphatische Figur gelegt wurden, Moritz aber selbstgerecht, verschlossen und draufgängerisch auftritt.

Woran liegt das?

Ich denke, die Macher haben eine Sache bei der Ausarbeitung der Figur vergessen: Relevante Beziehung zu mehreren Figuren. Das ist das wichtigste, daran führt kein Weg vorbei, wenn man eine Figur entwickeln möchte, die uns angeht, mitfühlen lässt, der wir Zeit schenken möchten.

Welche Beziehungen meine ich: Die Beziehung zum Vater, zur Schwester, zu Mitschülern vielleicht. Irgendeine Beziehung zu einem Menschen, wo ich spüre, Moritz bringt sich ein, ihm sind andere Menschen wichtig. Sein Leben dreht sich nicht nur im Dreieck von Freundin und bestem Freund, sondern es gibt mehr. Er ist kein selbstgerechter Idiot, der den besten Freund ausnutzt, um sein gebrochenes Herz zu heilen, sondern gibt etwas als Mensch den anderen Mitmenschen zurück.

Übrigens: Wenn man sich dazu entscheidet, einen unsympathischen Menschen als Helden zu porträtieren, dann kann man das gerne tun. THE SOCIAL NETWORK ist ein Paradebeispiel, wie eine Figur auch mit all ihren abweisenden, egoistischen Zügen Zuschauer an den Bildschirm fesseln kann.

Zum Schluss: Die Serie macht einen großen Fehler. Man stelle sich vor, wie packend und faszinierend dieselbe Geschichte wäre, wenn wir statt Moritz Lenny folgen könnten. Wenn er ein Projekt mit dem besten Freund entwickelt, dieser ihn übers Ohr haut und sich langsam ein antagonistisches Verhältnis zwischen den Freunden aufbaut. Kein weltbewegend origineller Stoff, aber mit dieser Figur wäre sie trotzdem einmalig. Hier verschenkt die Serie Potential. Und verrät auch diese großartige Figur am Ende der zweiten Folge – und dann habe ich lieber etwas anderes geguckt.

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Für die Liebe trotzt das Paar einem Meteor

YOUR NAME ist ein Liebesfilm. Zum Glück kein Melodrama, sondern eine waschechte Spülung aus Romantik, Liebe, Herzschmerz und Hoffnung. Dieser überwältigende Mix kann uns nur als Anime in den Bann ziehen. So rein und groß ist das Ausmaß der Gefühle. Und der Anime hat mich wirklich vollkommen begeistert.

Ein Kniff in der Erzählung fiel mir besonders auf: Ein Junge aus Tokyo tauscht mit einem Mädchen aus der Provinz den Körper – immer nachts ereignet sich der Bewusstseinstransfer, so dass am Morgen (ähnlich wie Bill Murray bei Groundhoug Day) die Kinder frisch im neuen Körper erwachen. Der Film startet damit, dass der Junge im Körper des Mädchens aufwacht. Doch verfolgt der Film diese eigenartige Begebenheit in den nächsten Minuten nicht weiter. Stattdessen springen wir zum nächsten Tag, das Mädchen ist wieder zurück in ihrem Körper und hat keine Ahnung, was passiert ist. Erst aus den Blicken und Kommentaren der anderen lernt sie, was sie so alles am letzten Tag angestellt hat.

Die Entscheidung, den ersten Tag als Junge im Körper eines Mädchens zu verschweigen, ist doppelt produktiv. Zum einen erlaubt es uns so, leichter in die Geschichte reinzukommen. Wenn die Erzählung gleich mit dem Außergewöhnlichen anfängt, fehlt uns Zuschauern die Orientierung: Was ist normal, was out of character? Wir wundern uns und bleiben der Geschichte außen vor.

Zum anderen stellt das Auslassen des ersten Tages einen originellen Umgang mit einer altbekannten, zu oft benutzen filmischen Trope dar: Der Wecker klingelt, der Protagonist steht auf und wir begleiten den Helden der Erzählung, wie er sich anzieht, frühstückt usw. So beginnen unverhältnismäßig viele Komödien. Durch den Sprung nach vorne werden aber zwei Dinge deutlich: Erstens, der Alltag des Mädchens wird uns vorgestellt. Zweitens, das Außergewöhnliche und ihre Reaktion werden in denselben Szenen, die eigentlich nur Exposition-Szenen sind, erfahrbar gemacht.

Das Resultat: Ein schneller und dynamischer Einstieg in die Geschichte. So ist es immer wünschenswert.

Auf den Golden Globes 2019 äußert sich Alfonso Cuarón zu ROMA, Netflix und Kino.

Und er hat einfach recht.

Seit ROMA, das Prestige-Projekt von Netflix, im September gezeigt wurde, starb die Diskussion einfach nicht ab: Gräbt NETFLIX dem Kino sein Grab, wenn der Techgigant anfängt, bessere („kinematographischere“) Filme zu machen als die traditionellen Hersteller von Filmen? Brauchen wir überhaupt noch die große Leinwand, das Gemeinschaftserlebnis, wenn wir von der Couch auch live twittern und twitchen können?

Die Antwort ist ganz simpel: Ohne Netflix würde es einen Film wie ROMA nicht geben, weil die Studios diese Art von Projekt niemals finanzieren würden. Das ist die eine Seite. Andererseits ist ROMA so kinematographisch, solch ein großes „gefühlhaltiges“ Epos, das die gewohnte Heim-Leinwand nicht ausreicht, um die Gefühle zu bändigen. Einzig die große Leinwand wird dem Film gerecht.

Anders als befürchtet wird Netflix nicht auf die Aufführung von Filmen in Kinos verzichten. Nach ROMA hat Netflix seine Blockade-Haltung gegenüber Kinobetreibern aufgegeben und offensiv die Verwertungsstrategie verändert: Kinovorführungen stehen nun auch im Zeichen des roten Letterings auf weißem Grund.

Zum Glück ist das nicht schlimm, ganz im Gegenteil, und gar nicht bedrohlich. Und darauf weist uns Alfonso Cuaròn hin.

Eine andere Frage, die ich sehr spannend finde, ist, wieso sich Netflix mit seinen Programminhalten immer stärker dem linearen Fernsehen annähert?

Ein einfacher Dialogsatz, er fasst perfekt zusammen, wie die Figur funktioniert. Die Rede ist von Gary, der Hauptfigur von FINAL SPACE, einer abgeschlossenen Mini-Cartoon-Serie auf Netflix.

Die Figur übernimmt sich, blendet die Realität (und den Weltraum) bis zur kompletten Selbstvergessenheit aus. Aber er versucht doch, das richtige zu tun.

Er versucht die Liebe seines Lebens zu beeindrucken und sagt: „I like how you speak words“. Eine schöne Zusammenfassung von Intention, Gefühl und absolutem Scheitern, das irgendwie anspruchsvoll und einnehmend dem anderen zu kommunizieren. Das ist eben Gary.

Eine sympathischer kleiner Cartoon (10 Folgen à 25 Minuten), der gerade auf Netflix ist. Fans von Star Wars UND Star Trek werden ihre Freude daran haben. Die Referenzen werden prominent ausgestellt und doch funktioniert die Serie auch eigenständig.

THE MARTIAN ist in vieler Hinsicht ein gelungener Film. Und ganz besonders in dem, was der Film nicht macht.

Der Film verzichtet auf nervenaufreibende Kommunikation des Marsianers Mark mit seinen Eltern, die auf der Erde leben. Das Drehbuch schreibt ihm weder Frau noch Kinder zu. Die filmisch undankbare Aufgabe, die Ehefrau eines Astronauten zu sein, entfällt komplett. Der Film konzentriert sich somit ausschließlich auf die Wissenschaftler und die Mission und verzichtet auf den künstlichen Pathos der gewöhnlichen Raumfahrer-Filme.

In der Regel weint in diesem Genre immer eine einsame Ehefrau vor einem Monitor, schluchzt sich ihren Traum-Ehemann herbei, der ins All gewandert ist. Auch fällt ihr die undankbare Aufgabe zu, ihren Mann so zu akzeptieren, wie er sich gibt. Wohingegen sie sich anpassen und sich seinem Lebenstraum und/oder seinem Pflichtgefühl unterwerfen muss. Beispiele sind Legion: Die Kinofilme ARMAGEDDON oder FIRST MAN fallen mir sofort dazu ein.

THE MARTIAN fällt zum Glück nicht in diese Honigfalle und erzählt stattdessen auf wissenschaftlich-unterhaltsame und „humane“ Art vom Überlebenskampf einer Robinson-Crusoe-Figur.

Ein schöner Film und so französisch, wie nur die Filme der Franzosen sein können: Amour fou, aufdringliche-neurotische Mütter, Kleinkriminelle aus Paris und das Fehlen jeglicher psychologischen Glaubwürdigkeit in der Entwicklung der Figuren (die meisten der Figuren existieren ausschließlich als Filmfiguren). Die Rede ist von DIE WELT GEHÖRT DIR von Romain Gavras, der auf Netflix zu sehen ist.

Mir hat der Film gefallen. Die Story recycelt Versatzstücke des Heist- und Gangster-Genres (großartig!). Die einen oder anderen werden sich an Klassiker dieser Genres erinnert fühlen: OCEAN’S ELEVEN oder HEAT. Doch werden unterschiedlichste Elemente (Flüchtlinge, Drogen, Bandenkrieg, Kapitalismus und… Engländer) so merkwürdig miteinander kombiniert, der Film wirkt trotz der allzu offensichtlichen Genre-Anspielungen originell und lebendig.

Das liegt vor allem an der Regie-Führung. Romain Gavras nutzt z. B. wunderbar nachlässig inszenierte Plansequenzen in der Totalen, um seinem Helden zu folgen. Und das alles zu aufdringlichen Pop-Songs — für jemanden wie mich, der mit MTV-Video-Clips aufgewachsen ist und Filme von Wong Kar Wai liebt, ein tolles Filmerlebnis.

Die Story entzieht sich der Deutbarkeit bzw. es lohnt wenig, sich Gedanken um Figuren-Motivation und Plot zu machen. Muss man nicht immer tun.

Schön ist eben der Grundgedanke, den Gavras als Vertreter der Grande Nation einbringt: Filme sind mehr als nur abgefilmter Dialog in der Schuss-Gegenschuss-Auflösung. Gavras zeigt, dass und wie man als Filmemacher eine eigene Erzähl-Haltung etablieren kann.

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