Für die Liebe trotzt das Paar einem Meteor

YOUR NAME ist ein Liebesfilm. Zum Glück kein Melodrama, sondern eine waschechte Spülung aus Romantik, Liebe, Herzschmerz und Hoffnung. Dieser überwältigende Mix kann uns nur als Anime in den Bann ziehen. So rein und groß ist das Ausmaß der Gefühle. Und der Anime hat mich wirklich vollkommen begeistert.

Ein Kniff in der Erzählung fiel mir besonders auf: Ein Junge aus Tokyo tauscht mit einem Mädchen aus der Provinz den Körper – immer nachts ereignet sich der Bewusstseinstransfer, so dass am Morgen (ähnlich wie Bill Murray bei Groundhoug Day) die Kinder frisch im neuen Körper erwachen. Der Film startet damit, dass der Junge im Körper des Mädchens aufwacht. Doch verfolgt der Film diese eigenartige Begebenheit in den nächsten Minuten nicht weiter. Stattdessen springen wir zum nächsten Tag, das Mädchen ist wieder zurück in ihrem Körper und hat keine Ahnung, was passiert ist. Erst aus den Blicken und Kommentaren der anderen lernt sie, was sie so alles am letzten Tag angestellt hat.

Die Entscheidung, den ersten Tag als Junge im Körper eines Mädchens zu verschweigen, ist doppelt produktiv. Zum einen erlaubt es uns so, leichter in die Geschichte reinzukommen. Wenn die Erzählung gleich mit dem Außergewöhnlichen anfängt, fehlt uns Zuschauern die Orientierung: Was ist normal, was out of character? Wir wundern uns und bleiben der Geschichte außen vor.

Zum anderen stellt das Auslassen des ersten Tages einen originellen Umgang mit einer altbekannten, zu oft benutzen filmischen Trope dar: Der Wecker klingelt, der Protagonist steht auf und wir begleiten den Helden der Erzählung, wie er sich anzieht, frühstückt usw. So beginnen unverhältnismäßig viele Komödien. Durch den Sprung nach vorne werden aber zwei Dinge deutlich: Erstens, der Alltag des Mädchens wird uns vorgestellt. Zweitens, das Außergewöhnliche und ihre Reaktion werden in denselben Szenen, die eigentlich nur Exposition-Szenen sind, erfahrbar gemacht.

Das Resultat: Ein schneller und dynamischer Einstieg in die Geschichte. So ist es immer wünschenswert.

Auf den Golden Globes 2019 äußert sich Alfonso Cuarón zu ROMA, Netflix und Kino.

Und er hat einfach recht.

Seit ROMA, das Prestige-Projekt von Netflix, im September gezeigt wurde, starb die Diskussion einfach nicht ab: Gräbt NETFLIX dem Kino sein Grab, wenn der Techgigant anfängt, bessere („kinematographischere“) Filme zu machen als die traditionellen Hersteller von Filmen? Brauchen wir überhaupt noch die große Leinwand, das Gemeinschaftserlebnis, wenn wir von der Couch auch live twittern und twitchen können?

Die Antwort ist ganz simpel: Ohne Netflix würde es einen Film wie ROMA nicht geben, weil die Studios diese Art von Projekt niemals finanzieren würden. Das ist die eine Seite. Andererseits ist ROMA so kinematographisch, solch ein großes „gefühlhaltiges“ Epos, das die gewohnte Heim-Leinwand nicht ausreicht, um die Gefühle zu bändigen. Einzig die große Leinwand wird dem Film gerecht.

Anders als befürchtet wird Netflix nicht auf die Aufführung von Filmen in Kinos verzichten. Nach ROMA hat Netflix seine Blockade-Haltung gegenüber Kinobetreibern aufgegeben und offensiv die Verwertungsstrategie verändert: Kinovorführungen stehen nun auch im Zeichen des roten Letterings auf weißem Grund.

Zum Glück ist das nicht schlimm, ganz im Gegenteil, und gar nicht bedrohlich. Und darauf weist uns Alfonso Cuaròn hin.

Eine andere Frage, die ich sehr spannend finde, ist, wieso sich Netflix mit seinen Programminhalten immer stärker dem linearen Fernsehen annähert?

Ein einfacher Dialogsatz, er fasst perfekt zusammen, wie die Figur funktioniert. Die Rede ist von Gary, der Hauptfigur von FINAL SPACE, einer abgeschlossenen Mini-Cartoon-Serie auf Netflix.

Die Figur übernimmt sich, blendet die Realität (und den Weltraum) bis zur kompletten Selbstvergessenheit aus. Aber er versucht doch, das richtige zu tun.

Er versucht die Liebe seines Lebens zu beeindrucken und sagt: „I like how you speak words“. Eine schöne Zusammenfassung von Intention, Gefühl und absolutem Scheitern, das irgendwie anspruchsvoll und einnehmend dem anderen zu kommunizieren. Das ist eben Gary.

Eine sympathischer kleiner Cartoon (10 Folgen à 25 Minuten), der gerade auf Netflix ist. Fans von Star Wars UND Star Trek werden ihre Freude daran haben. Die Referenzen werden prominent ausgestellt und doch funktioniert die Serie auch eigenständig.

THE MARTIAN ist in vieler Hinsicht ein gelungener Film. Und ganz besonders in dem, was der Film nicht macht.

Der Film verzichtet auf nervenaufreibende Kommunikation des Marsianers Mark mit seinen Eltern, die auf der Erde leben. Das Drehbuch schreibt ihm weder Frau noch Kinder zu. Die filmisch undankbare Aufgabe, die Ehefrau eines Astronauten zu sein, entfällt komplett. Der Film konzentriert sich somit ausschließlich auf die Wissenschaftler und die Mission und verzichtet auf den künstlichen Pathos der gewöhnlichen Raumfahrer-Filme.

In der Regel weint in diesem Genre immer eine einsame Ehefrau vor einem Monitor, schluchzt sich ihren Traum-Ehemann herbei, der ins All gewandert ist. Auch fällt ihr die undankbare Aufgabe zu, ihren Mann so zu akzeptieren, wie er sich gibt. Wohingegen sie sich anpassen und sich seinem Lebenstraum und/oder seinem Pflichtgefühl unterwerfen muss. Beispiele sind Legion: Die Kinofilme ARMAGEDDON oder FIRST MAN fallen mir sofort dazu ein.

THE MARTIAN fällt zum Glück nicht in diese Honigfalle und erzählt stattdessen auf wissenschaftlich-unterhaltsame und „humane“ Art vom Überlebenskampf einer Robinson-Crusoe-Figur.

Ein schöner Film und so französisch, wie nur die Filme der Franzosen sein können: Amour fou, aufdringliche-neurotische Mütter, Kleinkriminelle aus Paris und das Fehlen jeglicher psychologischen Glaubwürdigkeit in der Entwicklung der Figuren (die meisten der Figuren existieren ausschließlich als Filmfiguren). Die Rede ist von DIE WELT GEHÖRT DIR von Romain Gavras, der auf Netflix zu sehen ist.

Mir hat der Film gefallen. Die Story recycelt Versatzstücke des Heist- und Gangster-Genres (großartig!). Die einen oder anderen werden sich an Klassiker dieser Genres erinnert fühlen: OCEAN’S ELEVEN oder HEAT. Doch werden unterschiedlichste Elemente (Flüchtlinge, Drogen, Bandenkrieg, Kapitalismus und… Engländer) so merkwürdig miteinander kombiniert, der Film wirkt trotz der allzu offensichtlichen Genre-Anspielungen originell und lebendig.

Das liegt vor allem an der Regie-Führung. Romain Gavras nutzt z. B. wunderbar nachlässig inszenierte Plansequenzen in der Totalen, um seinem Helden zu folgen. Und das alles zu aufdringlichen Pop-Songs — für jemanden wie mich, der mit MTV-Video-Clips aufgewachsen ist und Filme von Wong Kar Wai liebt, ein tolles Filmerlebnis.

Die Story entzieht sich der Deutbarkeit bzw. es lohnt wenig, sich Gedanken um Figuren-Motivation und Plot zu machen. Muss man nicht immer tun.

Schön ist eben der Grundgedanke, den Gavras als Vertreter der Grande Nation einbringt: Filme sind mehr als nur abgefilmter Dialog in der Schuss-Gegenschuss-Auflösung. Gavras zeigt, dass und wie man als Filmemacher eine eigene Erzähl-Haltung etablieren kann.

Über Schweden und Männlichkeit

Wie toxischen Männlichkeit, Feigheit und Schwedens Wäldern zusammenhängen, besprechen Eral und Georg in einer kleinen Bonusepisode zu THE RITUAL.

THE RITUAL ist ein Horror-(Creature)-Film, das weltweit auf Netflix läuft. Es bietet altbewährte Genre-Kost und ein paar Neuerungen. Georg und Eral besprechen, ob es lohnt, den Film zu schauen. Und sie halten sich mit Spoilern sehr zurück.

 

 

Der Podcast ZWISCHEN BABY UND BILDSCHIRM ist auf den meisten Podcatchern zu finden, z. B.: Itunes, Stitcher, Deezer u.a. Hört rein! 🙂

Die gnadenlose Alias Grace

Georg und Eral besprechen die kleine und feine Mini-Serie ALIAS GRACE. Beide sind ziemlich beigeistert! Und sie unterhalten sich live vor Ort in Berlin – zum ersten Mal für den Podcast.
ALIAS GRACE ist eine Drama-Mini-Serie von Netflix nach einem Roman von Margaret Atwood, entwickelt wurde die Serie von Sarah Polley. Folgende Themen stehen auf dem Programm: Patriarchat, Frauenrechte, Störung der herrschenden Ordnung. Und David Cronenberg taucht auch auf – Georg und Eral sind ganz aus dem Häuschen.

Den Podcast findet Ihr auf den meisten Podcatchern: Itunes, Deezer, Soundcloud, Podcast.de und und und…

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