Kino

Die Sicherheit im Quadrat – THE SQUARE

Die öffentlich-rechtlichen Sender sind verdammt gute Ko-Produzenten. Wer hätte gedacht, dass ein Film über einen Kurator an einem Museum für Moderne Kunst in Schweden selbst zu Kunst werden konnte? – Ich spreche von Kunst im Gegensatz zu der Art, wie im Film davon die Rede ist, und zwar nicht zynisch sondern im besten Sinne!

THE SQUARE hat sich zum Programm gemacht, jegliche Form von Gesellschaft zu verunsichern. Was eigentlich oft Kunstwerke tun sollen, tut diesmal die Kunstindustrie, das Museum und all ihre Agenten. Der Film hält von Anfang bis zum Ende ein Prinzip durch, das es schon in einer der ersten Szenen etabliert: Eine Gemeinschaft (Reisende, Museumsbesucher, Gäste im Ballsaal,…) wird durch einen Fremdkörper in ihrer Mitte zutiefst verunsichert und muss darauf reagieren, wie auch immer: mit Diskussion, Ausschluss, Ignoranz, Gewalt.

Die Fremdkörper sind Hilfesuchende, eine Sinti & Roma Frau beim Burger-Laden, ein kleiner Junge aus einer armen Familie, schließlich auch ein Künstler, der als Affe (großartig!) einen Ballsaal besucht und in Beschlag nimmt.

THE SQUARE überrascht: Museum und Kuratieren scheinen nicht das Umfeld zu sein, in dem aktuelle Probleme der europäischen Union und grundsätzlich das zwischenmenschliche Miteinander verhandelt werden möchten — aber sie werden auf so brisante und erfrischende Art dramatisiert, wer möchte nicht die europäische Flüchtlingskrise anhand eines schwedischen Museums als Metapher erleben?

Absolute Schau-Empfehlung meinerseits!

Advertisements
Kino

Die Avengers im Kinderladen

AVENGERS INFINITY WAR hat mich in der gestrigen Kinovorstellung überrascht: Das Durchschnittsalter des Publikum war ca. Mitte dreißig – der Film hätte mit ein paar kleineren Anpassungen locker auch ein Kinderfilm (für 8-10-Jährige) sein können. Im Grunde lag die Überschneidung mit dem Kinderfilm an den Regeln der Avengers-Welt:

Es geht den Superhelden nie um komplexe Prozesse, auch wenn diese Prozesse „angespielt“ werden (Ermittlungsarbeit, Händchenhalten der Liebespaare, Heist-Pläne, Zeitreise, etc.). Auch die unübersichtlichsten und unwahrscheinlichsten Handlungsschritte können in diesem Universum leicht „behauptet“ werden – die Zuschauer glauben es und fressen den Superhelden aus der Hand. Doch stellt sich schnell ein Sättigungs- und Ermattungsgefühl ein – am Ende der Vorstellung war ich fix und fertig und wusste nicht, warum. Ich war ausgelaugt, aber nicht emotional, nur körperlich.

Statt eine besondere emotionale Katharsis zu erleben und emotional gereinigt aus der Vorstellung zu spazieren, fühlte ich mich am Saal-Ausgang müde, ausgebrannt. Der Film hatte meine Lebenszeit abgezweigt, hatte sich in mich reingefressen, ohne mir im Gegenzug eine notwendige emotionale Befriedigung zu bieten.

Das Hauptaugenmerk des Films liegt eindeutig auf der überwuchernden Explosionen, Monsterhorden, sterbenden Sternen usw. Interessant fand ich besonders, dass die Verantwortlichen den Helden anscheinend keine allzu ernsten Tiefgang erlauben wollen, die Szenen sind mit Ironie und netten Gifteleien geschrieben, ein großer dramatischer Ernst, der zumindest Grundzüge einer dazu entworfenen Charakter-Psychologie braucht, stellt sich nie ein.

Außer in einer Szene: Es geht um Thanos, den Seelenstein und seine Tochter, mehr will ich nicht verraten. Eine Szene, die im (menschlichen oder außerirdischen) Drama deutlich aus der Handlung herausragt. Aber sie bleibt leblos, banal, ohne Resonanz-Boden für den Zuschauer. Vielleicht ist es deshalb gut, dass die Figuren so ironisch-distanziert, wenig psychologisiert, entworfen wurden?

Wer würde sonst den Rausch von drei Stunden Computer-Explosionen durchhalten und noch stehen können?

 

Kino

Den Midpoint richtig platzieren

Der Midpoint, die thematische Mitte des Films, sollte klug gesetzt werden. Sie verbindet zwei Hälften des Films, indem sie eine wesentliche qualitative Veränderung für die Geschichte (emotionaler Umschwung oder Ähnliches) einführt.

Was ist das geniale Moment am Midpoint von THE TRUMAN SHOW mit Jim Carrey, dem Meisterwerk von Peter Weir?

Den Midpoint sollte man da suchen, wo man ihn am ehesten vermutet: ungefähr nach der Hälfte der Laufzeit des Films. Bei TRUMAN ist der Midpoint eindeutig: Truman hat unmissverständlich verstanden, dass er in einem Käfig gefangen ist, dass sich die Welt um ihn dreht, dass dies seine absolute Hölle ist – aber all seine Versuche, dieser Welt zu entfliehen, haben versagt. Kurz vor dem Midpoint taucht sogar die Person wieder auf, die ihn tiefer in die Welt hineinzieht. Ein Zitat aus der PATE 3 passt hier gut: „Just when I thought I can leave, they pull me back in.“

Der Midpoint ist klar erkennbar, denn er markiert einen Perspektivwechsel. Der Film war bis hierhin ausschließlich aus Trumans Perspektive erzählt. Jetzt aber folgt eine Doku, die das Leben von Truman zusammenfasst, den „Creator“ hinter Truman vorstellt, Trumans Zukunft skizziert usw.

Es sagt viel aus, dass die Doku genauso gut am Anfang des Films hätte stehen können. Sie gibt wirklich keine neuen emotionalen Informationen oder Erfahrungen, sie mästet nur die Biografie Trumans, Backround Info zur Welt und zu Truman.

Doch, dass sie hier platziert wurde, ermöglicht den Zuschauern folgende Erfahrung:

– Die Furcht und wachsende Paranoia des liebenswürdigen Versicherungsvetreters Truman erleben wir emotional mit.

– Als Zuschauer werden wir zu Ermittlern, die die absonderlichen Details zusammen mit Truman entdecken. Es bleibt also spannend (in Maßen) und rätselhaft.

Der Midpoint ist die Auflösung der ersten beiden Akte – ich gehe von einer 4 Akt Struktur aus -, und erhebt gleichzeitig den Konflikt auf eine neue Höhe: Truman muss sich nicht nur gegen eine ganze Stadt durchsetzen, die sich gegen ihn verschworen hat, nein, er muss sich auch gegen den Schöpfer, seinen persönlichen geistigen Schöpfer, behaupten.

Und zu dem Zeitpunkt, scheint es, ist er schon am Ende und hat schon, Niederlage nach Niederlage, aufgegeben. Spannend, der Zuschauer bleibt dran!

Kluger Midpoint!

Kino

Der Präsident ruft lieber selber an

THE AMERICAN PRESIDENT wirkt heute herrlich veraltet: Ein Witwer (und: Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika) verliebt sich in eine Umweltaktivistin – natürlich zum schlechtesten Zeitpunkt für seine Präsidentenschaft: Wahlen stehen bevor, die Gegenseite hetzt gegen seine Person und hat damit Erfolg, er aber hält against all odds an der Liebe fest.

Eine romantische Komödie, wenn man so will. Schließlich führt jemand Regie, der auch für WHEN HARRY MET SALLY verantwortlich zeichnet: Rob Reiner. Die Märchen-Erzählung in einem Schloss namens The White House wird heute so sehr von der aktuellen amerikanischen Politik und den größeren Debatten (#MeToo) erdrückt – ich kann mich gar nicht auf die Geschichte und die Figuren konzentrieren. Trump, inhaltsleerer amerikanischer Pathos, Belästigung am Arbeitsplatz, Machtgefälle zwischen Frau und Mann am Arbeitsplatz drängen am Material so stark in den Vordergrund, sie zerbrechen den Spaß, den dieser harmlose und gutgemeinte Film den Zuschauern bieten möchte.

Und etwas anderes fällt auf: Der Film führt Romantik und Arbeitsleben zusammen – so wie es sich für eine romantische Komödie gehört. Und besser: Fortschritt in der einen Welt (das erste Date, der erste Kuss etc.) bedeutet Rückschritt für die andere. Fortschritt und Erfolg in der einen Welt kosten etwas in der anderen. Schöne Dilemma-Konfiguration.

 

Kino

Die Magie der Figuren

DOCTOR STRANGE überwältigt den Zuschauer mit endlos gefalteten Räumen, die sich wieder und wieder ineinander falten – weit besser als INCEPTION… Sosehr die Bildmagie und die Bildräume auch überraschen – so etwas gab es noch nie im Kino -, es fällt auf, dass die Nebenfiguren, ihre Konflikte und selbst so manch ein Konflikt der Hauptfigur sich nie über den Stand einer bloßen Behauptung hinausbewegen.

Ein behaupteter Konflikt und die dazu passende Lösung sind Gift für eine organisch-gesunde Plot-Entwicklung. Und so fällt auf, dass der Hauptkonflikt des Hauptbösewichten Kaecilius (er fühlt sich von The Ancient One verraten) genauso wie die dogmatische Regeltreue Mordos (er zürnt und kritisert ständig den Pragmatismus, den Doctor Strange an den Tag legt) einzig auf der Dialogebene existieren. Die Konflikte und Themen werden deklariert, werden in Dialogszenen in Worte gegossen. Doch geben sie uns keinen emotionalen Zugang zu den Charakteren oder zu ihrer Erfahrungswelt. Die Emotionen, Konflikte und Dilemmata bleiben von Anfang bis Ende (nur) behauptet.

Zum Glück rissen mich die Zaubertricks der Figuren und des VFX-Departments so sehr mit, dass ich über den schwachen Plot hinwegsehen konnte.

 

Kino

Little Miss TV

Schauen wir uns kurz die Eröffnungssequenz von LITTLE MISS SUNSHINE an. Es fällt auf, dass der Film auf die ersten vier Szenen eigentlich verzichten könnte. Die Szenen liefern keine wesentlichen Informationen und das erzählerische Input, das sie bieten, findet sich auch in den folgenden Szenen – und das sogar besser: mit wesentlich mehr Konflikt, mehr Human Drama. Warum ist es aber trotzdem eine der besten Eröffnungsmontagen, erzähltechnisch gesehen, die ich kenne?

Weiterlesen

Kino

Florida ist Moonees Disneyland

THE FLORIDA PROJECT läuft gerade in den Kinos. Der Film wurde hochgelobt – und das zu recht. Willem Dafoe und Brooklyn Prince spielen ergreifend schön schlicht und doch mit so viel Energie, wer sich bei ihrem Anblick nicht in die Welt der untersten Schichten Floridas verführt fühlt, dem kann man nicht mehr helfen, weder im Kino noch im Leben.

Florida ist für Moonee ein Vergnügungspark, ähnlich wie Disney World für die Touristen. Das kleine Mädchen lebt in einem Motel, das als Absteige und Wohnort für die Armen Floridas herhalten muss. Der offizielle Walt Disney, der Gastgeber und Spielleiter, ist Bobby (Willem Dafoe), er kümmert sich um den Betrieb, repariert defekte Eismaschinen wie auch zwischenmenschliche Beziehungen. Ein guter Mann, obwohl ihm Güte fremd ist. Ein großartiger Mann.

Moonee gestaltet in ihrem Sommer die schäbigsten Orte, Parkplätze, Highway-Ausfahrten, verlassene Ferienhäuser zu einem Erlebnispark. Das ist wunderschön zu erleben. Und Sean Bakers Sicht auf die Figuren und ihre Welt schöpft aus dem Herzen des Humanismus: Weder regelt der Gegensatz von Gut und Böse seine Welt, noch werden die Ärmsten der Gesellschaft in irgendeiner Weise bloßgestellt. Sie bleiben Könige und Königinnen, sie bleiben das, was zahlende „Customer“ in Disneyland darstellen.

Ein sehr schönes Detail zum Abschluss: Das Motel, wo die Welt sich (er-)findet, schaut auf einen Hubschrauber-Landeplatz. Ich habe selten eine schönerer Metapher erfahren für den Blick der Armen auf die Welt der Reichen. Die Armen leben im Motel, sie schauen zu, wie die Reichen abheben. Ihnen bleiben einzig zwei Möglichkeiten: „Fuck you“ zu rufen, den Finger zu zeigen, oder zu winken. Die Ärmsten werden in die Welt der Hubschrauber so schnell nicht aufgenommen. Einen Sommer lang müssen sie es auch nicht, denn sie sind Könige.