Kino

Der Präsident ruft lieber selber an

THE AMERICAN PRESIDENT wirkt heute herrlich veraltet: Ein Witwer (und: Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika) verliebt sich in eine Umweltaktivistin – natürlich zum schlechtesten Zeitpunkt für seine Präsidentenschaft: Wahlen stehen bevor, die Gegenseite hetzt gegen seine Person und hat damit Erfolg, er aber hält against all odds an der Liebe fest.

Eine romantische Komödie, wenn man so will. Schließlich führt jemand Regie, der auch für WHEN HARRY MET SALLY verantwortlich zeichnet: Rob Reiner. Die Märchen-Erzählung in einem Schloss namens The White House wird heute so sehr von der aktuellen amerikanischen Politik und den größeren Debatten (#MeToo) erdrückt – ich kann mich gar nicht auf die Geschichte und die Figuren konzentrieren. Trump, inhaltsleerer amerikanischer Pathos, Belästigung am Arbeitsplatz, Machtgefälle zwischen Frau und Mann am Arbeitsplatz drängen am Material so stark in den Vordergrund, sie zerbrechen den Spaß, den dieser harmlose und gutgemeinte Film den Zuschauern bieten möchte.

Und etwas anderes fällt auf: Der Film führt Romantik und Arbeitsleben zusammen – so wie es sich für eine romantische Komödie gehört. Und besser: Fortschritt in der einen Welt (das erste Date, der erste Kuss etc.) bedeutet Rückschritt für die andere. Fortschritt und Erfolg in der einen Welt kosten etwas in der anderen. Schöne Dilemma-Konfiguration.

 

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Kino

Die Magie der Figuren

DOCTOR STRANGE überwältigt den Zuschauer mit endlos gefalteten Räumen, die sich wieder und wieder ineinander falten – weit besser als INCEPTION… Sosehr die Bildmagie und die Bildräume auch überraschen – so etwas gab es noch nie im Kino -, es fällt auf, dass die Nebenfiguren, ihre Konflikte und selbst so manch ein Konflikt der Hauptfigur sich nie über den Stand einer bloßen Behauptung hinausbewegen.

Ein behaupteter Konflikt und die dazu passende Lösung sind Gift für eine organisch-gesunde Plot-Entwicklung. Und so fällt auf, dass der Hauptkonflikt des Hauptbösewichten Kaecilius (er fühlt sich von The Ancient One verraten) genauso wie die dogmatische Regeltreue Mordos (er zürnt und kritisert ständig den Pragmatismus, den Doctor Strange an den Tag legt) einzig auf der Dialogebene existieren. Die Konflikte und Themen werden deklariert, werden in Dialogszenen in Worte gegossen. Doch geben sie uns keinen emotionalen Zugang zu den Charakteren oder zu ihrer Erfahrungswelt. Die Emotionen, Konflikte und Dilemmata bleiben von Anfang bis Ende (nur) behauptet.

Zum Glück rissen mich die Zaubertricks der Figuren und des VFX-Departments so sehr mit, dass ich über den schwachen Plot hinwegsehen konnte.

 

Kino

Little Miss TV

Schauen wir uns kurz die Eröffnungssequenz von LITTLE MISS SUNSHINE an. Es fällt auf, dass der Film auf die ersten vier Szenen eigentlich verzichten könnte. Die Szenen liefern keine wesentlichen Informationen und das erzählerische Input, das sie bieten, findet sich auch in den folgenden Szenen – und das sogar besser: mit wesentlich mehr Konflikt, mehr Human Drama. Warum ist es aber trotzdem eine der besten Eröffnungsmontagen, erzähltechnisch gesehen, die ich kenne?

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Kino

Florida ist Moonees Disneyland

THE FLORIDA PROJECT läuft gerade in den Kinos. Der Film wurde hochgelobt – und das zu recht. Willem Dafoe und Brooklyn Prince spielen ergreifend schön schlicht und doch mit so viel Energie, wer sich bei ihrem Anblick nicht in die Welt der untersten Schichten Floridas verführt fühlt, dem kann man nicht mehr helfen, weder im Kino noch im Leben.

Florida ist für Moonee ein Vergnügungspark, ähnlich wie Disney World für die Touristen. Das kleine Mädchen lebt in einem Motel, das als Absteige und Wohnort für die Armen Floridas herhalten muss. Der offizielle Walt Disney, der Gastgeber und Spielleiter, ist Bobby (Willem Dafoe), er kümmert sich um den Betrieb, repariert defekte Eismaschinen wie auch zwischenmenschliche Beziehungen. Ein guter Mann, obwohl ihm Güte fremd ist. Ein großartiger Mann.

Moonee gestaltet in ihrem Sommer die schäbigsten Orte, Parkplätze, Highway-Ausfahrten, verlassene Ferienhäuser zu einem Erlebnispark. Das ist wunderschön zu erleben. Und Sean Bakers Sicht auf die Figuren und ihre Welt schöpft aus dem Herzen des Humanismus: Weder regelt der Gegensatz von Gut und Böse seine Welt, noch werden die Ärmsten der Gesellschaft in irgendeiner Weise bloßgestellt. Sie bleiben Könige und Königinnen, sie bleiben das, was zahlende „Customer“ in Disneyland darstellen.

Ein sehr schönes Detail zum Abschluss: Das Motel, wo die Welt sich (er-)findet, schaut auf einen Hubschrauber-Landeplatz. Ich habe selten eine schönerer Metapher erfahren für den Blick der Armen auf die Welt der Reichen. Die Armen leben im Motel, sie schauen zu, wie die Reichen abheben. Ihnen bleiben einzig zwei Möglichkeiten: „Fuck you“ zu rufen, den Finger zu zeigen, oder zu winken. Die Ärmsten werden in die Welt der Hubschrauber so schnell nicht aufgenommen. Einen Sommer lang müssen sie es auch nicht, denn sie sind Könige.

 

 

Kino

Fehlerhafte Zeitmaschine

HOT TUB TIME MACHINE (2010) ist eindeutig ein Retortenbaby von profitorientierten Studios. Die Charakter-Schablonen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film wahnsinnig stark geschnitten wurde, Szenen und Sequenzen im Schnitt weggefallen sind. Okay. Aber gleichzeitig bietet der Film genau das, was er verkauft: Klamauk, eine alberne Komödie. Der Film löst das ein und es sind nur die Szenen, die eine Figuren-Tiefe oder etwa Figuren mit Hintergrundstory entwickeln wollen, die furchtbar nerven. Für den Klamauk aber lohnt es sich, den Film zu gucken.

Eine Anmerkung zum Drehbuch: Mir scheint, die Story beinhaltet einen großen Logik-Fehler. Nämlich: Die Zeitreisenden erleben das Wochenende von 1986 noch einmal, diesmal als Erwachsene im Geiste, Jugendliche im Körper. Am Ende gehen drei von vier, wenig überraschend, wieder zurück in ihre Jetzt-Zeit. Einer bleibt zurück und verändert die Zeit und das Schicksal aller und der Welt. Klar, kein Problem, das ist wenig überraschend für Zeitreise-Komödien und – okay.

Mein Problem ist: Das Leben der drei Rückkehrer ist gewaltig verändert. Aber eigentlich hätte es sie gar nicht geben dürfen. Laut Logik des Films würde sie ihre Zeitreise zurück ins Jetzt aus der Vergangenheit komplett löschen, sie würden gar nicht existieren und hätten sich gar kein Leben im Jetzt aufbauen können. Weil: Sie haben leider keine Alter Egos im Jahr 1986, es gibt sie immer nur einmal. Das macht leider gar keinen Sinn für die Story. Klar, HOT TUB TIME MACHINE wollte etwas von der BACK TO THE FUTURE in seine eigene Story rüberretten. Ging aber leider nicht auf, die Doppelgänger haben gefehlt.

Kino

Spielberg sollte ins Fernsehen – DIE VERLEGERIN

THE POST wie auch BRIDGE OF SPIES beeindrucken als moralisierende Filme: Sie weisen eine Helden-Moral auf, die heute besonders den Vereinigten Staaten verlorengegangen zu sein scheint.

Der Kampf mit der öffentlichen Moral (im Sinne eines öffentlichen Wertesystems, das gesellschaftliche Strukturen prägt) gehört ins Melodrama. Helden und Heldinnen, die an der gängigen Moral verzweifeln, bieten die optimale Projektionsfläche für unser Mitleid. Der Film muss durch Opulenz in der Ausstattung und einem entsprechenden Arsenal von leidenden Figuren (geweint wird viel und irgendwann hat jede der Figuren nasse Augen) das richtige Verhältnis zwischen Pathos der Gefühle und kalt berechnend voranschreitender Handlung treffen.

LINCOLN, BRIDGE OF SPIES tun dies auf eine hervorragende Weise, THE POST fällt leider in der Handlung ziemlich flach. Der Grund: die vielseits beschworene Fallhöhe der Figuren ist gerade einmal kniehoch. Das nimmt aber der ganzen Handlung, die sich ums Schreiben und Veröffentlichen dreht, alle Stoßkraft. Verzweifelt wird versucht, die Heldin als Heldin für und der Frauen zu zeigen. Auch das schlägt fehl. Warum?

Weil die Welt, die gezeigt wird, die Welt der Superreichen und Supermächtigen ist, Menschen, die keinen Bezug mehr zum einfachsten Leben haben.

Die Eingangsszene versucht diesen Riss in der Zuschauerwahrnehmung notdürftig zu kitten: Der Reporter, der die Papers in Umlauf bringt, wird in den vietnamesischen Djungel geschickt. Der Platzregen gehört ebenso dazu wie die Nacht und der Überraschungsangriff der Viet-Kong. Durch das Senden des Schreibenden, den das Schreiben nichts kostet (am wenigsten das Leben), in Lebensgefahr, versucht der Film zu zeigen, dass Schreiben durchaus etwas kosten kann: Integrität, Menschenrechte und durchaus das eigene Leben.

Okay, der Punkt ist verständlich. Nur schlägt diese Absicht fehl angesichts der High-Society-Welt, die hemdsärmelig publiziert, und zwar in Designer-Hemden. Auch verhaspelt Kay Graham (der Verlegerin) ihre eigene Charakter-Entwicklung auf dem Höhepunkt des Films.

Am Ende werde ich den Eindruck nicht los, dass BRIDGE OF SPIES wie auch THE POST (DIE VERLEGERIN) beide mit ihrem jeweiligen Handlungsbogen auch preiswerte Fernsehfilme hätten sein können. Man hätte auf das Spielbergische Pathos des Melodramas dann aus Budget-Gründen verzichten müssen. Aber wären es dann wirklich schlechtere Filme? – BRIDGE OF SPIES und THE POST sind beide von der Story, um es freundlich zu sagen, nicht sehr sättigend.

Kino, Schreiben

Sorkin und Molly

In MOLLY’S GAME fiel mir eine Szene besonders auf. Gegen Ende des Drehbuchs sprechen Molly und Charlie off the record mit dem Staatsanwalt. Warum das Meeting stattfindet, warum sie sich unter sechs Augen getroffen haben statt im Gerichtssaal – mit dieser Info rückt die Szene erst viel später heraus.

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