Kino

PSYCHO – über gegensätzliche Figuren

Der kritische Blick von Norman Bates

Ohne den Einfluss der Psychoanalyse wäre Alfred Hitchcocks PSYCHO nicht denkbar. Ich fand aber den Film unter einem anderen Gesichtspunkt interessant: Die buchstäbliche Spaltung der Erzählung in Marion Crane und Norman Bates. Die Spaltung der Erzählung nimmt die Spaltung der Figur Bates vorweg.

Ich fand es bemerkenswert, wie Marion Crane und Norman jeweils den Gegensatz der anderen Figur bildet. Marion Crane ist jemand, die entschieden ist, stets in Bewegung, willensstark, unnachgiebig und ziemlich selbstsicher. Norman Crane hingegen schwankt, er ist gesellig, verletzlich, schwach. Beide Figuren, so gegensätzlich sie auch entworfen und vom Film charakterisiert werden, vereint das poetische Thema des Films: Die Flucht in einen Käfig, die vermeintliche Freiheit, die sich als Falle herausstellt. Beim Midpoint des Films, bei der legendären Besprechung im Motel, wird das Thema in aller Schärfe angesprochen. Nach der Hälfte des Films wechseln wir zur zweiten Hauptfigur: Norman Bates. Eine Frau, die in einen Käfig flieht (die Bewegung der Straße, die Horizontale). Ein Mann, der in seine Freiheit in einem Käfig gefunden hat (die Bewegungen zwischen Motel und Mansion, die Vertikale auf verschlungenen Pfaden).

Doch auch schon vorher wird die Fragilität der Freiheit durch die Erzählung aufgegriffen: Der Film beginnt mit einer langen Kamerafahrt in der Aufsicht auf Atlanta. Das ist die Vogel-Perspektive: Die Weite der Freiheit wird eingetauscht gegen den Käfig des Schlafzimmers, die Enge einer Paarbeziehung. Das Vogelmotiv (ausgestopfte Vögel usw.) zieht sich dann bis zum Höhepunkt durch.

Marion Crane erkennt ihren Fehler und möchte aus dem unsichtbaren Käfig fliehen – das kostet sie ihr Leben. Norman hingegen lebt sein Gefängnis/seine Freiheit aus, bis zur vollen Ununterscheidbarkeit beider Pole in der Schlussszene. Er wird zur Mutter – und bleibt doch er selbst. Der Film schafft es nicht, am Ende Mitleid für Marion Cranes Schicksal zu erzeugen, so stark fasziniert am Ende die Figur Norman Bates die Ermittler und den Zuschauer.

Interessant ist auch die Faszination des Bösen. Marion Crane und auch Norman Bates haben jeweils eine Szene, in der sie diabolisch in die Kamera schauen. Aber am Ende wird nur durch die Überblendung eines Totenkopfes die Spaltung in Mutter und Sohn in Normans Gesicht sichtbar.

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Netflix

Liebe angesichts eines Meteors – YOUR NAME

Für die Liebe trotzt das Paar einem Meteor

YOUR NAME ist ein Liebesfilm. Zum Glück kein Melodrama, sondern eine waschechte Spülung aus Romantik, Liebe, Herzschmerz und Hoffnung. Dieser überwältigende Mix kann uns nur als Anime in den Bann ziehen. So rein und groß ist das Ausmaß der Gefühle. Und der Anime hat mich wirklich vollkommen begeistert.

Ein Kniff in der Erzählung fiel mir besonders auf: Ein Junge aus Tokyo tauscht mit einem Mädchen aus der Provinz den Körper – immer nachts ereignet sich der Bewusstseinstransfer, so dass am Morgen (ähnlich wie Bill Murray bei Groundhoug Day) die Kinder frisch im neuen Körper erwachen. Der Film startet damit, dass der Junge im Körper des Mädchens aufwacht. Doch verfolgt der Film diese eigenartige Begebenheit in den nächsten Minuten nicht weiter. Stattdessen springen wir zum nächsten Tag, das Mädchen ist wieder zurück in ihrem Körper und hat keine Ahnung, was passiert ist. Erst aus den Blicken und Kommentaren der anderen lernt sie, was sie so alles am letzten Tag angestellt hat.

Die Entscheidung, den ersten Tag als Junge im Körper eines Mädchens zu verschweigen, ist doppelt produktiv. Zum einen erlaubt es uns so, leichter in die Geschichte reinzukommen. Wenn die Erzählung gleich mit dem Außergewöhnlichen anfängt, fehlt uns Zuschauern die Orientierung: Was ist normal, was out of character? Wir wundern uns und bleiben der Geschichte außen vor.

Zum anderen stellt das Auslassen des ersten Tages einen originellen Umgang mit einer altbekannten, zu oft benutzen filmischen Trope dar: Der Wecker klingelt, der Protagonist steht auf und wir begleiten den Helden der Erzählung, wie er sich anzieht, frühstückt usw. So beginnen unverhältnismäßig viele Komödien. Durch den Sprung nach vorne werden aber zwei Dinge deutlich: Erstens, der Alltag des Mädchens wird uns vorgestellt. Zweitens, das Außergewöhnliche und ihre Reaktion werden in denselben Szenen, die eigentlich nur Exposition-Szenen sind, erfahrbar gemacht.

Das Resultat: Ein schneller und dynamischer Einstieg in die Geschichte. So ist es immer wünschenswert.

Kino

CREED II – über Familienwahrheiten

Creed 2, Adonis und die Familie
Die Creeds mit der neuen Boxer-Generation für Sequels

Eine der originellsten Szenen, die es in CREED 2 zu sehen gibt, ist nicht ein Kampf oder eine verbal-aggressive Herausforderung vor Publikum. Sondern eine intime Familienszene.

Adonis und Bianca treffen Adonis‘ Mutter Mary Ann zum Abendessen. Adonis soll ihr von seiner Entscheidung berichten, gegen einen unglaublich gefährlichen Boxer in den Ring zu steigen. Er schafft es nicht, mit der Sprache rauszurücken. Mary Ann denkt, das Paar habe ein anderes Geheimnis. Sie analysiert klug Biancas Körper und meint, die junge Frau sei schwanger. Das sind Neuigkeiten für das Paar, die Feststellung wird kurz lächelnd beiseite gewischt. Aber dann ist es jedem klar, dass sie schwanger ist.

Das Originelle an der Szene ist, dass die zukünftige Großmutter die Umstände der Schwiegertochter von selbst herausfindet und die junge Frau von dem neuen Umstand überzeugt.

Ein Paar kommt und berichtet den Großeltern von der Schwangerschaft – das ist eine schöne Szene im Leben, aber im Film wirkt das banal und langweilig. Auf die Art, wie es in CREED 2 erzählt wird, ist alles drin: Überraschung beim Paar, etwas Spannung für den Zuschauer und vor allem: Es passt zum Charakter von Mary Ann, die eine weise, verständnisvolle Mutter gibt, die ihren Adonis genau im Auge behält, sich aber nie einmischt.

Die Szene wird gut vom Drehbuch vorbereitet: Als Zuschauer ahnt man, dass sie schwanger sein könnte. Man weiß es erst, als das Paar bei der Feststellung unsicher lächelt.

Ein leise und einfühlsam erzählter Moment in einem eher lauten, „männlichen“ Film.

Kino

GUARDIANS OF THE GALAXY 2 – über Vaterfreuden

Das Team im Vordergrund, der Vater im Hintergrund (der Planet)

Es gibt vielleicht so etwas wie eine Anti-Ödipus-Figur beim Film. Es sind die Helden, die lange nach den eigenen Wurzeln und der eigenen Herkunft suchen. Wenn sie schließlich wissen, wer der eigene Vater ist, entscheiden sie sich ihren biologischen Vater umzubringen. Nicht aus einer Fehlentscheidung heraus, sondern gerade eben deshalb, weil sie es mit ihrem eigenen Vater zu tun haben.

Aktuelles Beispiel: Peter Quill muss seinen Vater umbringen, der die eigene Mutter getötet hat und droht, die besten Freunde auszulöschen. Dass Papa ein ganzer Planet ist, fügt sich gut in die GUARDIANS…-Reihe, die Pathos groß aufbaut, um es im nächsten Schritt zu belächeln.

Aber ich denke auch an Bruce Banner, der zum grünen Monster wird in HULK von Ang Lee (2003). Die Story des (Comic-)Superhelden ähnelt stark der des GUARDIANS-Films: Der männliche Protagonist Anfang/Mitte dreißig sucht nach seinem biologischen Vater. Als er endlich Nick Nolte gestellt hat, muss er ihn im letzten Showdown vernichten.

Bei beiden Filmen haben die Väter die biologische Mutter des Superhelden getötet. Bei beiden Filmen versuchen die Väter das von ihren Kindern zurück zu erlangen, was sie ihnen gegeben haben: Die Gabe des Lebens, ihre DNA. Aber diesen Grenzübertritt verzeiht ihnen das Kino nicht: Die Väter werden ausgelöscht.

 

Serie

Am Ende kommen Titanen – über FINAL SPACE

Mooncake und Gary klatschen sich ab

Auf Netflix gibt es eine wunderbare kurze Mini-Serie zu entdecken: FINAL SPACE. Die Serie vermischt genau die richtigen Szenen und Momente aus Star Wars, Star Trek, Alien, Matrix und anderen kanonischen SciFi-Filmen. Die Serie bietet viel Action, viel Rumgeballere und viel Blut.

Aber sie schafft es auch komisch zu sein. Komik ohne Zynismus. Das liegt daran, dass die Serie um die Entwicklung der Figuren, um ihre Beziehung geschrieben ist. Der beschriebenen Welt fehlt es an Regeln: Es scheint alles möglich und als Zuschauer wurde ich immer wieder überrascht, dass Regeln nur nachlässig etabliert werden. Ich denke hier z. B. an Mooncake, den grünen, sympathischen Weltenvernichter. Es ist nie ganz klar, wann und warum er seine Kräfte einsetzt: Eigentlich, wenn er so stark ist, könnte er ganze Armeen auslöschen, er tut es aber nicht. Denn die gefährlichen Szenen, in die die Freunde geworfen werden, wären dann nur halb so schlimm…

Aber an solchen Fragen soll man sich nicht aufhalten. Die Serie ähnelt THE SIMPSONS in der Hinsicht, dass der Protagonist ein weißer, etwas dümmlicher, leicht zu beeindruckender Mann ist, der seine Herzensdame über alles liebt und ihr immer treu bleibt. Natürlich ist er sensibel und kindlich einfach im Befolgen von Prinzipien, die das Leben ihm vorschreibt – ihm soll schließlich unsere Sympathie zufliegen. Sein Trauma, der Verlust des Vaters, als er ein Kind war, schreibt der Serie den Humor vor: Pubertierenden Humor, jedoch ohne abfällig zu wirken. Und das sehe ich als große Leistung an.

Die Folgen sind simpel zu folgen, haben eine einmalige Kombination von Humor und Brutalität, die es so nur im Cartoon-Stil geben kann. Das Ende enttäuscht etwas, aber so tut es auch der ganze Plot. Der Humor jedoch rettet die Serie.

Auf alle Fälle eine Seh-Empfehlung.

Allgemein

TERMINATOR 2 – Judgement Day : Maschinen in der Parallelmontage

Mittlerweile der Filmklassiker schlechthin unter den Blockbustern. Ich habe den Film bestimmt mehr als zwanzig Mal gesehen. Diesmal, bei der letzten Sichtung, ist mir die geniale Einsatz der Parallelmontage aufgefallen.

Zu Beginn starten mehrere Erzählstränge, die sich zum Showdown im ersten Akt verdichten: Die Rettung von Sarah Connor aus der Psychiatrie. Bemerkenswert ist, wie James Cameron und sein Team es schaffen, eine Einheitlichkeit zu generieren. Wir wissen stets, dass die unterschiedlichen Handlungsstränge zusammen laufen, ja, sogar zusammen gehören.

Woher?

Zum einen, natürlich, weil wir schlaue Zuschauer sind und in der Regel mit Vorwissen in jeden Film reingehen: Plakate, Gespräche mit Freunden, aber auch Trailer stecken unsere Erwartungen an den Film ab.

Ein anderer Grund, warum TERMINATOR 2 uns trotz absolut unterschiedlicher Orte eine einheitliche Welt suggeriert, beinhaltet das schlaue Set-Design, die Kameraführung und die Ausleuchtung — kurz das World Building: Das kalte Farbspektrum, aber auch die Motive, in denen die Szenen stattfinden, spielen stets auf die Welt der Maschinen und des Stahls an.

Aber ein ganz wesentlicher Punkt ist die Parallelmontage der Szenen.

Hier fällt auf, dass die Szenen durch einzelne Details miteinander verknüpft werden. Zum Beispiel: Das Monitorbild bei Sarah Connors Vernehmung geht dem Monitorbild im Labor voraus, Türschlösser werden zeitgleich von Sarah und vom T1000 aufgeschlossen usw. Das sind die formalen Elemente, die eher der Mise en Scène zuzurechnen sind, aber auch im Drehbuch Platz haben.

Doch trägt die Parallelmontage auch das Erzählprinzip, die Art der Erzählung: Die Suche nach dem Jungen beginnen und beenden die Terminatoren fast zeitgleich. Das Erscheinen der Terminatoren in der Gegenwart ähnelt sich, und weicht doch stark ab: die Differenz im Umgang mit denselben Fragen (Wie besorge ich mir Kleidung und eine Waffe?) zeigt uns, wer der Gute und wer der Schlechte ist.

Und zuletzt, durch das Aneinanderschneiden von antagonistischen Kräften, schafft die Parallelmontage die nötige Spannung für den Blockbuster. Zwei Terminatoren, ein Junge, die eine Maschine will ihn töten, der andere beschützen. Diese Konstellation hätte ganz anders erzählt werden können, aber TERMINATOR 2 entscheidet sich für die schlichte, harte Erzählweise: Die Handlungsstränge werden gegeneinander geschnitten. Die Mise en Scène lässt Milde walten und versucht, die Übergänge abzuschwächen und den Schnitt, die Leerstelle zwischen den Szenen, zu überdecken.

Die Erzählung ist knallhart wie eine Maschine.

Genau wie die Figuren.

Kino

Die Schöne und das Biest (2017 Film)

Es macht wirklich großen Spaß, Luke Evans als Gaston zu erleben. Trotzdem bleibt doch ein merkwürdig schales Gefühl, wenn man BEAUTY AND THE BEAST schaut. Vermutlich geht es Zuschauern so, die Disneys Zeichentrickfilm von 1991 verehren. Und ich zähle den Zeichentrickfilm noch immer zu meinen Lieblingsfilmen.

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