SCHACH-PRINZIPIEN

Das Warme, Herzergreifende bei THE QUEEN’S GAMBIT findet seinen Höhepunkt in der letzten Folge. Die Ausnahme-Schachspielerin, Einzelgängerin durch und durch, bekommt im Hotelzimmer einen Anruf. Und wer macht sich die Mühe nach Moskau zu telefonieren? Es sind die Menschen, die ihr im Leben geholfen haben, die sie nun auch gegen den russischen Großmeister unterstützen wollen. Sie lächelt gerührt und hört zu, was ihre Schachkollegen – Freunde, vielleicht – zu sagen haben.

Scott Frank verfolgt konsequent ein Prinzip in der Entwicklung der Geschichte von Beth – ich würde hier nicht von Dramaturgie sprechen. Aber doch ist es klar eine bewusste Entscheidung, die in die Geschichte eingreift.

Im Gegensatz zum Prinzip des Schachspiels, wo es klare Gegner gibt, ein klares Verhältnis des Sich-Niedermachens die Felder beherrscht, bestimmt ein kollegiales, freundliches Miteinander die Welt der Schachspieler. Sie kennen nicht die Eisernen Vorhang, sie befinden sich mit niemandem im Krieg – am ehesten vielleicht mit sich selbst. Der bessere gewinne – selten wird dieser Leitspruch so unprätentiös verfolgt wie im Duell Weiß gegen Schwarz.

Entsprechend vermeidet die Serie klare Konfliktsteigerung, ein beherztes Maximieren der Wirkung durch Verdichtung und Orchestrieren von Figuren. Heraus kommen Bilder und Szenen, die uns in ihrer Zurückgenommenheit und Spezifizität, Einmaligkeit, überraschen. Zum Glück verzichtet Scott Frank auf den billigen, allzu leicht herstellbaren Pathos, der Sport-Filmen innewohnt. 

Stattdessen geht es um die Begegnung einer hübschen jungen Frau mit der Welt von älteren Männern. Nicht umsonst findet Beth ihre Schach-Initiation im Keller bei einem älteren, verschlossenen Hausmeister. Am Ende der sieben Folgen verlassen wir Beth, als sie die Herausforderung zum Spiel annimmt – und kein anderer als ein ziemlich zerbrechlich wirkender alter Spieler spricht sie auf eine Partie an. 

Den Gegensatz, den die Serie voll auskostet, ist die, der schönen jungen Frau im Milieu der Männer – meistens sind es die ungebundenen, umherstreifenden Männern, am vortrefflichsten vorgeführt durch die Figur Benny, ein Schachspieler mit den Allüren eines Crocodil-Hunter. Gleichzeitig bekommt Beth Mütter zur Seite gestellt, die das vergangene Jahrhundert als Hysterikerin oder Melancholikerin katalogisieren würde. Frauen, die „nach innen gerichtet“ sind. 

Eine tolle Serie und als Berliner verfolge ich mit Stolz, wie gut sich Berlin dafür eignet, ein vergangenes Amerika auferlegen zu lassen. 

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