Hoffmanns Erzählungen als Film sind eine Erzählung über den Film selbst

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN, das Meisterwerk vom genialen Fimlemacher-Duo Emerich Pressburger und Michael Powell, ist für Cinephile keine Neuentdeckung.

Filmstill aus der zweiten Erzählung: Venedig und Oper passt gut

Neu für mich war der Bezug zum Filmischen: Hoffmann ist ein Dichter-Autor, Offenbach ein (vor allem für seine Opern) berühmter Komponist. Der Film hat sich beide Kunstgattungen als Material einverleibt und sie in seine Licht- und Tonhöhen entführt. Und zwar auf solch eine großartige Weise, dass zu dritt – Text, Musik, Schauspiel – ein Film über das Filmische geschaffen wurde.

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN ist zuerst ein Film über das Begehren, das Sich-Vergucken, die Täuschung, die List, ist eine übersteigerte Schau mehrerer szenischer Erzählungen, über den mythischen Orpheus-Moment (die Begehrte wird zu staub, sobald wir uns dem starken Drang, uns ihr zu nähern, fügen).

Damit handelt der Film zuerst nicht von Hoffmann, auch nicht von der Oper, sondern vom Film an sich. Hoffmann, auf der Nase die Brille, deren Gläser Puppen zum Leben erwecken und ihn Bewegung halluzinieren lassen; Hoffmann vor dem menschengroßen Spiegel, der ihm seine Gestalt gestohlen hat… Asymmetrisch-symmetrische Blickstrukturen prägen die Konfiguration der Erzählungen – und nicht erst seit Alfred Hitchcock ganz wesentlich das Kino.

Doch auch der Inhalt ist zum einen bewährtes Material für Opern: tragisch-heroisch, der Verzicht zeichnet den geläuterten Helden aus. Zugleich ist diese Konfiguration paradigmatisch für den Kinozuschauer, der sich nichts sehnlicher wünscht, als in die Fantasie-Welt der Filme einzudringen, immer um die Unmöglichkeit des Wunsches wissend, und vor allem: auch die Enttäuschung vorausahnend: Wenn ich diesen oder jenen Filmhelden näher kennenlernen würde, wäre er kein Held mehr, nur eine langweilige Bekanntschaft, ein Mensch wie du und ich.

Welcher Film handelt von diesem Dilemma auf eine andere Art, vielleicht auf eine im Vergleich mit HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN wahnsinnig plumpe Art?

In THE LAST ACTION HERO von John Mctiernan träumt sich der Junge in den Film hinein. Der Clou an der Konstellation Film versus Realität ist, dass die jenseitigen Filmfiguren die stumpfe, diesseitige Alltagswelt als begehrenswert empfinden.

Jack Slater sitzt in der Küche einer ihm fremden, alleinerziehenden, mit dem Leben überforderten Mutter, hört Mozart im Radio – und es ist der perfekte Morgen für ihn. Die Einsicht, dass das Andere (das Fremde und Exotische) immer der Nährboden für die Fantasie und das mit Wunschbildern durchwirkte Begehren ist, wird bei HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN stumm in die Geschichten eingewebt, bei THE LAST ACTION HERO in der Spiegelung durch einen Filmhelden ungeniert zur Sprache gebracht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s