Die Differenz der Szene – COLLATERAL

Der Chauffeur fährt diesmal nicht Miss Daisy (© TM &2004 Dreamworks Productions, LLC.)

Abgesehen von der unglaublichen weil unglaubwürdigen Handlung von COLLATERAL fasziniert mich bei jeder neuen Sichtung dieselbe Szene:

Ganz am Anfang, wir befinden uns im ersten Akt und erfahren viel über die Charaktere, ihre Sorgen und Wünsche: Da steigt ein Fahrgast zum Chauffeur Max ins Auto. Annie ist Anwältin und hat am nächsten Tag vermutlich den wichtigsten Gerichtsprozess ihrer Karriere.

In der Szene geht es viel ums Bonding, um die Chemie der Figuren, die unausgesprochenen Worte und verstohlenen Blicke, die ausgetauscht werden. Nicht unbedingt Romantik oder Liebe auf den ersten Blick, aber doch gegenseitige Zuneigung. (Später werden sogar die ausgewechselten Informationen für den Plot relevant, aber das erfahren wir erst im dritten Akt des Films.)

Wenn wir Drehbuchseiten und Film vergleichen – und das mache ich manchmal, dann fällt auf, dass der Dialog verbatim übernommen wurde. Max und Annie reden über Musik, sie hören Radio und kommen auf die „Classics“ zu sprechen.

Im Drehbuch umfasst der Begriff die Werke von Bach, von klassischen Komponisten. Im Film hingegen ist diese Anspielung im Dialog nicht klar: Über den Dialog wurde Smooth Jazz oder Soul-Music gelegt, nirgends ist ein Streich-Orchester zu hören. Die Anspielung auf die gehörte Musik weist zunächst auf die Musik der Tonspur.

Bemerkenswert ist, dass der Dialog zu beiden Situationen passt. Wir müssen nicht wissen, ob mit „Classics“ klassische Musik oder Soul-Music gemeint ist. Die Unterhaltung hat etwas von gutem Small Talk – es geht um den Redefluss, die Stimmung und die gegenseitige Wertschätzung. Kurz: um den Subtext der Begegnung.

Dann ist der Inhalt fast egal.

Entsprechend auch die Handlung des Films: Der wesentliche Ungereimtheit des ganzen Films ist die Überzeugung des Killers, sich von einem Taxi-Fahrer chauffieren zu lassen. Und andersherum: die fehlende Initiative des Chauffeurs für die Flucht aus der Geiselnahme bezeugt die Artifizialität der Story.

Trotzdem – vielleicht auch: gerade deswegen: einer der besten Filme von Michael Mann und Tom Cruise, ein tolles Stadtporträt von Los Angeles.

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