PARASITE ist eine Ode ans Kino

Kang-ho Song, Hyun-jun Jung, Sun-kyun Lee, Yeo-jeong Jo, and Woo-sik Choi in Gisaengchung (2019)
koreanisches Filmplakat zu Bong Joon Hos Meisterwerk (Bild via Imdb)

Kinobesuche lohnen sich noch immer. Nicht zwingend für wendungsreiche Geschichten mit Franchise-Potential, Verwertungsmaschinen, die aufdringlich in die verstecktesten Schubladen der Fantasie hineinreichen und das Ungesagte gnadenlos ans Licht zerren. – Aber für fein konstruierte, brillant umgesetzte, im Webstuhl der Gefühle gesponnene Erzählungen: alle mal!

Bong Joon Hos PARASITE ist ein solches Werk, das einem den Glauben ans Kino zurückgeben mag. Es ist kein Kino, das sich dem Diktat der Formen verschrieben hat. Auch keins, das ehrgeizig das Regelwerk der an Zuschauermassen erprobten Dramaturgien verfolgt. Auch wenn die Dramaturgie deutlich Bezug auf die Drei-Akt-Struktur nimmt.

Ein Zwischenwerk, ein Balance-Akt, der die richtige Haltung mit jedem Frame trifft: Das Anbieten einer menschlich-warmen Geschichte mit empathischen Figuren, das Formulieren einer Antwort auf ein existentielles Problem innerhalb eines soziologisch-kulturell präzis abgesteckten Rahmens – und schließlich der bravouröse Umgang mit filmischen Mitteln, die das selbstgefällige Seufzen der Hausdame zum Höhepunkt einer Sequenz verweben.

Großartig! Die Figuren brauchen uns von dem psychologischen Realismus ihrer Innenwelt nicht zu überzeugen. Sie sind für die Metapher entworfen und verwandeln die heiße Luft des Themas („Respektiert die Armen!“) fern eines gesellschaftlichen Aufschreis in einen Orkan der Gefühle: Die Armen versuchen sich durchzubeißen, schaffen es, sich an einen Wirt zu klammern, der Erfolg lässt sie hoffen, dass sie auch mal ein Wirt sein können, nur um im nächsten Augenblick zu erfahren, dass ihre Parasiten-Existenz kein Einzelschicksal ist, sondern quasi ein modus vivendi. So ergeht es den meisten; statt sich zu verbünden, machen sie sich gegenseitig den Platz streitig.

Was mich am meisten begeistert hat, ist die Umsetzung. Das Gespür für das Tempo der Kamerabewegungen, die Choreografie der Körper im Raum, der Einsatz der Szenografie als Metaphern-Spender, dein Einsatz der Musik als direkte Antwort auf das Erzählte.

Und gleichzeitig, wenn ich den Blick nach Deutschland und seine Filmemacher richte, wüsste ich keinen, der das Talent besitzt, einen filmischen Raum zu konstruieren, der an ästhetischer Qualität und affektiv geladenen Bildstärke dem eines Bong Joon Hos ebenbürtig ist.

Die Euphorie, die PARASITE in mir ausgelöst hat, weicht allmählich der Ernüchterung, dass dem Deutschen Kino einiges fehlt, und zuerst einmal: der Glauben.

PARASITE ist jetzt im Kino! Unbedingt schauen!

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