Wenn Kinder die Verfassung laut vorlesen – über MR. SMITH GOES TO WASHINGTON

Mr. Smith goes to washington, Ms. Saunders, gespielt von Jean Arthur - und ist natürlich das Love Interest über den Sitzen
Die toughe Saunders, eine Figur wie aus einer Screw-Ball-Komödie (Filmstill, Columbia Pictures)

Mitten in Frank Capras Meisterwerk einer Komödie findet sich eine lyrische Sequenz. Das interessenlose Umherirren und Betrachten sind eigentlich Dinge, die schwer zu einer Komödie passen. Trotzdem gewinnt MR. SMITH GOES TO WASHINGTON eben durch solch eine Sequenz an Bedeutsamkeit, schärft das Profil des Helden und macht ihn für uns Zuschauer in seinen Handlungsmotiven nachvollziehbar. Der punktuelle Ausstieg aus der geradlinigen Handlung verleiht der Handlung mehr Tiefe.

Jefferson Smith hat sich die Naivität, die Hingabe und die Klarheit im Glauben von Pfadfinder-Jungen bewahrt. Er sagt, was er meint, und umgekehrt – er ist also im Politik-Betrieb Washingtons der Fisch out of water.

Das macht uns die Story immer und immer wieder verständlich. Doch es braucht die lyrisch-entrückte Sequenz der Besichtigung des Capitol Hills, um uns Zuschauer Jeffersons Überzeugungen auch fühlen zu lassen.

Mit nicht wenigem Pathos führt Capra vor, was konkret der Glauben an die Verfassung der Vereinigten Staaten bedeutet – und an welchem Ort dies passiert, im Herzen Washingtons. Das Ganze weckt Assoziationen an eine christliche Idol-Vergötterung: eine kirchliche Andacht mit Chorknaben, die statt zu singen, die amerikanische Verfassung laut vorlesen, die Hände von tränengerührten Großvätern halten; und alle vereint unter den Statuen, die mit marmornen Blicken den Einzelnen zur Staatstreue aufrufen.

Manche mögen so eine Szene Kitsch nennen. Aber sie schafft es doch, die innere Überzeugung des Helden sinnbildhaft zu veräußerlichen.

Der Glaube an die Rechtmäßigkeit der Verfassung, an den Willen des Volkes, glimmt nicht nur, sondern flackert groß auf.

Kurz: Wenn sich der Held pathetisch-wichtigtuerischen Gefühlen hingibt – Mr. Smith (James Stewart) wirkt wie ein Kind im Körper eines Erwachsenen – und die Handlung als Bewährungsprobe ebensolcher Ansichten gezimmert wurde, dann muss der Film auch die Konsequenz ziehen und uns ebenjene Empfindungen fühlen lassen. Da der kindlichen Überzeugung an die Reinheit der Politik jeder Anflug von Skepsis und Zynismus fremd ist, fühlen sich jeffersons Ansichten ziemlich „schmalzig“ an.

Das ist nur konsequent und Zeichen von gutem Erzählen.

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