THE POLITICIAN – das Mysterium einer Serie

THE POLITICIAN in lässiger Pose rechts im Bild (THR, HollywoodReporter Promo Bild der Netflix-Show)

Was möchte die Netflix-Serie THE POLITICIAN bitte darstellen? – Ich stelle diese Frage nur, weil ich acht Folgen lang echt Spaß hatte, den Eitelkeiten, Zerwürfnissen, Mordintrigen und dem Scheitern der Protagonisten beizuwohnen.

Wirklich, jetzt: Die Serie ist herrlich unterhaltsam. Es gibt Musical-Nummern, die der Darsteller aus GLEE brillant vorträgt. Es gibt Dreiecksbeziehungen zwischen Männern, Frauen und nicht-binär-identifizierbaren Geschlechtern, unwirklich präzise Dialoge, die die Reichen in der Verlorenheit des Prunks bloßstellen, ohne sie als Figuren zu verraten, es gibt Großmütter, die schlimmer als in Märchen junge Frauen drangsalieren usw.

Die Teenager benehmen sich bestimmt nicht wie Teenager. Ich bin so dankbar, dass die Teenager von Dreißigjährigen gespielt werden. Diese Welt könnten niemals „echte“ Teenager verkörpern. Aber jede Körper-Politik hat Tücken: Einmal, als sich die Figur Astrid mit ihrer Mutter – MAD MEN Alumni January Jones – streitet, wirkt das wie eine Meinungsverschiedenheit zwischen Schwestern – fast gleichalt erscheinen erzählte Mutter und Tochter. Wie eine Horrorvision jagt auf einmal die Künstlichkeit der fiktiven Welt den Zuschauer.

Ein Mix aus Elementen verschiedenster Genres. Das Szenenbild lässt keinen Zweifel offen, dass hier XXL erzählt wird, das narrative Setting (Welt der 1%) macht es dem Zuschauer leicht, zu akzeptieren, dass es „tatsächlich“ diese Welt gibt, dass sie eigene Regeln hat und der Idiosynkrasie der Charaktere Zuflucht bietet, mehr noch: die Exzentrik der Reichen in den Räumen spiegelt.

Kein Zuschauer, der nach der ersten Folge noch dabei ist, fragt sich, „Aber in der Wirklichkeit wäre dies jetzt…“.

Diese Welt ist bunter als ein Disney-Film und doch so verdammt zynisch.

Wenn wir groß erzählen, die erste Liebschaft, die Schulkorridore, die die Welt bedeuten, die ersten Parties, der Ausbruch aus dem Elternhaus usw. – dann entweder hoffnungsvoll oder traurig, immer aber mit eher warmherzigen, zumindest gefühlsechten Charakteren. THE POLITICIAN entdeckt das Zynische, den Sarkasmus in einer quietschbunten Welt.

Im Einklang mit den Gefühlen möchte der Politiker sein. Das hört sich nicht nach einem Stoff für und über Teenager an.

Und das ist der Meistertrick, den Ryan Murphy und sein Team vollbringen. Die Politik, der Wahlkampf und der Konkurrenzgedanke der Teenager ist selbstverständlich den aktuellen politischen Entwicklungen in den USA nachempfunden. Payton Hobart (der Hillary Clinton in puncto entitlement anachempfunden ist) ist in seinen Ambition, seinen Irritationen und seine Beziehungen zum Wahlkampfteam und seinen Mitschülern auch als Kommentar zu verstehen.

Ryan Murphy zaubert das Langweilige in die aufregenden Jahre des Teenager-Seins. Dabei vergisst THE POLITICIAN, dass es dem Teenager-Genre dient. Zu eigensinnig ist die Welt, zu eigen die Figuren, als dass sie sich einfach in ein einziges Genre pressen ließen.

Ryan Murphy malt mit der ganzen Palette der Film-Genres: Horror und Grusel (die Infinity Jackson Storyline), Thriller (die permanenten Mord-Verschwörungen), Ehedramen und Coming-of-Age-Anwandlungen, Road-Movie, Satire und Persiflage, Musical und – Polit-Thriller im Geiste der Glanzzeit des Hollywoodkinos der 70er.

Der Schriftfont im Titel gibt Aufschluss: Der Schriftfont Roslindale ist eine klare Anspielung an die glorreichen Filme, die Watergate und die Tage von bestimmten Raubvögeln behandeln. Deshalb ist es vermutlich richtig zu sagen: THE POLITICIAN versteht sich als Polit-Serie, die das Teenager-Setting nutzt, um die Satire besser in Stellung zu bringen.

Großartig!

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