Wenn die Neue Zeit immer so toll wäre, wer will dann noch das Alte?

Anna Maria Mühe und August Diehl üben sich im Sehen (Bild: ZDF/ Mathias Bothor)

Die Serie DIE NEUE ZEIT über die Gründerjahre der Kunstakademie Bauhaus und über den radikal Kunststil der Dozenten und Studenten kommt genau zur richtigen Zeit.

Und damit meine ich nicht das hundertjährige Jubiläum der Bauhaus-Schule. Sondern etwas ganz Persönliches:

Als ich dachte, dass mir der durchkalkulierte Serien-Potpourri von Netflix oder Amazon keine Überraschung mehr bietet, kam das ZDF.

Die Verjüngungskur des deutschen Senders hat sich gelohnt. Zumindest für diese Serie.

Bleiben wir bei der Folge NACH DEM KRIEG, die Gründung der Schule, der Antritt des neuen Direktors, der Widerstand der Bevölkerung. Klar, jedem fällt auf, wie wunderbar geschrieben und entwickelt die Figuren sind. Aber ich möchte das Augenmerk auf Regie, Szenenbild und Kamera lenken.

Wir sehen viel in der Totalen, Weitwinkel-Objektive führen uns durch akribisch zusammengetragene Requisiten und penibel nachgebaute Büros, Lokale, Ateliers. Selbst über die Straße und den Vorhof wandelt die Kamera, begleitet die Figuren – wunderbar: Studenten laufen irgendwie stets in Gruppen, das passt – über die Straße. Pferdewagen und alte Karosserien tuckern über das Kopfsteinpflaster.

Selten durfte ich Zeuge solcher Szene im deutschen Fernsehen sein. Ich habe meinen Augen nicht getraut. Es ist großartig.

Was mich noch mehr begeistert hat, ist die Dynamik der Jugend. Studenten und Dozenten möchten in jeder Akademie-Szene dem Zuschauer an die Gurgel. Selten habe ich Freiheitsdrang und Ausbruchszwang so plausibel erzählt bekommen.

Es geht um Kunst, es geht um Kunststile, es geht eigentlich um Nichts. Und doch, die Serie hat aus dem Mindset der zwanziger Jahre die Fahnen der Akademie gewebt – es geht es um alles. Auf einmal ist es wichtig, das Neue in die Welt zu bringen, die Hüter der Konvention abzusetzen.

Doch die Modernisierer baden nicht im Pathos der Selbstherrlichkeit. Oder – doch, sie tun es teilweise. Aber dann wissen wir Zuschauer, dass sie sich irren, dass auch sie, die Erneurer des Jahrhunderts, nicht unfehlbar sind.

Großartig, wie Lars Kraume inszeniert und zusammen mit Lena Kiessler und Judith Angerbauer geschrieben hat. Erneurer vs. Bewahrer, Frau gegen Mann, Student vs. Dozent usw. Zwischen diesen Fronten läuft DIE NEUE ZEIT und verirrt sich nie.

Absolute Seh-Empfehlung, zu finden sind die sechs Folgen in der Arte Mediathek.

#arte #deutsch #tvshow #zdf

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