BLADE RUNNER als Mythos

K auf Augenhöhe mit dem Indexfinger (Filmstill, Columbia and Sony Pictures)

Die Hauptfigur „K“ nennen und dann wirklich keine Anspielung auf die westliche Moderne bringen, hätte Kafka enttäuscht.

Aber bei BLADE RUNNER 2049 geht es um etwas anderes. Auch wenn uns der Anblick der zukünftigen Großstädte ähnlich wie beim Vorgänger die Luft raubt, beschreitet der Film einen eigenen Weg.

Ridley Scotts BLADE RUNNER von 1982 steht nicht nur vom Plot her in einer gänzlich anderen Tradition. Ähnlich wie es Steven Spielberg, Lucas und ihre Gefährten mit dem eigenen Material versucht haben, versuchte damals auch die Verfilmung von Philip K. Dicks Roman aus einem Trend Kapital zu schlagen: Die Erhöhung von B-Ware zu Blockbustern. Ridley Scott präsentiert einen bewährten Plot des klassischen Hollywood-Kinos als teuer ausgestatteten Sci-Fi-Film. Dass der geistige Ursprung der Bilder zurück in die Zeit des Stummfilm-Kinos geht, ist nur folgerichtig. Der Einfluss von Fritz Langs METROPOLIS ist augenfällig.

In all der einnebelnden Atmosphäre, der berauschenden Musik und Harrison Fords Charisma fiel sofort auf, wie merkwürdig simpel der Plot geraten war.

Es braucht keine drei Szenen, bis sich Replikant und Replikant-Jäger in die Arme fallen.

Vom Zurücktreten der narrativen Komplikationen profitierte die Atmosphäre und das Set-Design.

Den Urgedanken von METROPOLIS – eine künstliche Intelligenz in Gestalt einer Frau, die Hoffnung und Unheil über die Menschen bringt – greift nun auch der Nachfolger auf.

Aber Dennis Villeneuve ist gänzlich wenig an der Filmgeschichte und der Herkunft der Bilder interessiert. Ihn geht es gleich ums Ganze: Es geht um die Ur-Geschichte, Adam und Eva, den Baum, das Wunder einer Geburt und um Liebe. Und ganz viel KI.

Ich hatte angenommen, dass nach EX MACHINA die Zusammenführung von christlichem Glauben, Garten Eden und Künstlicher Intelligenz im Sci-Fi-Genre ausgelutscht wirken könnte.

Ich hatte Recht.

BLADE RUNNER 2049 möchte einen Mythos etablieren. Der Film handelt mythisch. Es geht um den Menschen usw., klar, aber es geht vor allem um das, was hinter den Augen ist, den Geist, das Unsichtbare, die Erinnerungen, die Seele.

Der Dualismus Geist und Körper schreibt sich als Dualismus von Elementen in das Szenenbild: Wasserreflektionen auf den gelb ausgeleuchteten Wänden, die regenverhangene Großstadt, der finale Kampf im (sintflutartigen) Meer, der naturverlassene Glaskäfig der Heiligen, der Erinnerungsmacherin – als Auserwählte lebt sie jenseits der natürlichen Elemente.

Der Film bietet wunderbare Bilder. Und ich habe wohl den besten Dreier (Replikant, Replikant, Projektion) der gesamten Filmgeschichte erlebt, keine Frage.

Trotzdem – eben weil der Film sich mit den Bildern von der Filmgeschichte und damit vom eigenen Ursprung entfernt – hat der Film wenig Neues, wenig Radikales zu bieten.

Was der Mensch angesichts der eigenen Kunst-Schöpfungen ist, muss uns der Film ausbuchstabieren.

Die Dialoge sind talky geraten: Die Figuren holen aus und erklären uns Dinge, philosophieren über die Welt, statt den Plot voran zu treiben oder zumindest auf das Augenfällige zu reagieren.

Das wirkt immer aufgesetzt und langweilig.

Die Frage, was der Mensch angesichts der Roboter ist, können Filme nur als sich ihrer eigenen Herkunft bewusste Filme beantworten. Jeder andere Versuch wirkt schnell anmaßend und – langweilig.

#bladerunner #netflix #harrisonford #review #kritik #kafka

Ein Kommentar zu „BLADE RUNNER als Mythos

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