Familienbild mit Patriarch Tony (HBO Promotionsmaterial)

Kino und Filme lassen seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur Moralprediger schlecht aufstoßen. Sie waren und sind auch heute noch Ziel von Zensurbehörden. Das bewegte Bild gilt als besonders beeinflussend, weil stark einprägsam, und, wenn man so will: die Seele korrumpierend. Nicht zuletzt waren Filme in totalitären Regimes DAS Mittel, um die Bevölkerung bei Laune zu halten oder zielgerichtet das gesellschaftliche Narrativ zu formen.

Im Gegensatz zum Wort ist eine Bilder-Syntax vor-sprachlich, d. h. man muss nicht zwingend eine Sprache beherrschen, um sie zu verstehen, auch wenn sich bewegte Bilder leicht einer sprachlichen Grammatik (und Bedeutungserzeugung) unterordnen lassen. (Deshalb gibt es auch heute noch Drehbücher…)

Am Argument, Filme beeinflussen Menschen leichter als andere Medien, ist also etwas dran.

Jedoch kann diese Kritik in den meisten Fällen ziemlich leicht ignoriert werden. Zuschauer sind eigenständige Wesen, einen Film schauen heißt eine Erfahrung machen, die dem Spielen sehr nahe kommt. Man probiert Rollen, Konstellationen und Narrative aus und verzichtet auf jegliche existentielle oder leibliche Bedrohung.

Bisher hat noch niemand im Kinosaal einen Finger verloren.

Wann aber kann die visuelle Maschine der Bedeutungserzeugung zum Problem werden?

Sie wird es vor allem in der narrativen Behandlung von Verbrechen, Kriminalität und Handlungen gegen die Würde des Menschen. Denn Narration setzt einen Standpunkt, eine Perspektive voraus. Zu leicht identifiziert man sich plötzlich mit dem Täter statt mit dem netten Opfer.

Doch lassen wir mal den Moralprediger schweigen.

Schauen wir ganz pragmatisch auf Filme und Serien. Wie schafft man Empathie und bestenfalls Sympathie für zwielichtige Charaktere und Kriminelle, die nach eigenem Gesetz leben und die Gesellschaft ausbeuten? Kurz: professionelle Gangster und die Mafia?

Eine Antwort dazu gibt uns HEAT: Habe immer eine Figur, die noch böser ist als die vermeintlich Bösen. Der ultimativ Böse ist der Gegenspieler, die Zuschauer hassen die Figur so sehr, dass sie den „guten“ Gangstern, die zumindest an etwas glauben, Empathie entgegenbringen. Robert De Niro spielt in HEAT einen Mann, den keiner von uns in seinem Leben haben möchte. Trotzdem finden wir es richtig, dass er Waingro erschießt, den „bösen“ Bösen, der zum Spaß tötet – und dann auch noch Mädchen.

Die beste Antwort auf die Frage, wie und wann mögen wir Mafiosi, formuliert der HBO-Klassiker THE SOPRANOS. Zeige die Gangster in Alltagsreibereien, führe sie in Alltagsproblemen als Menschen wie du und ich vor, stürze sie in komplizierte und emotionale Beziehungen und Dilemmata, die vor allem die Familie betreffen. Beziehung zu den Kindern, der Ehepartnerin, der Mutter – das sind die affektiv am stärksten aufgeladenen Beziehungen. Wenn die Figuren dann mit einer schlimmen Entscheidung nach der anderen konfrontiert werden, dann fühlt man mit, man erkennt das Universell-Menschliche in ihnen und verzeiht den Jersey-Boys die ein oder andere Leiche, die aus dem Hudson River gefischt wird.

THE SOPRANOS dürfte man als Moralprediger nicht gucken. Doch haben die Autoren so viel Sorgfalt auf die Familienprobleme gelegt und sie so sorgsam entwickelt, man muss der Mafia einfach das Morden verzeihen.

Nicht zuletzt liegt es auch an der Besetzung der Rolle Tony Soprano mit James Gandolfini, der brutal-grobschlächtig wie auch kindlich einfach, warmherzig und sensibel erscheinen kann. Und warmherzig und sensibel sind in der Kombination immer Sympathiemagneten beim Publikum.

#hbo #thesopranos #drehbuch #dramturgie #serie #tvshow

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