Kino

Harvey Weinstein trägt Prada

THE DEVIL WEARS PRADA überrascht. Das heißt, der Film überrascht nicht wirklich als romantische Komödie, der in der Welt der Modemagazine angesiedelt ist. Der Film schafft es aber, der Modeindustrie Bedeutsamkeit zu verleihen. Und das ist gar nicht so einfach.

Bedeutsamkeit generiert zum Beispiel nicht Robert Altmans PRÊT-À-PORTER, der sich in Banalitäten verliert und die Modeindustrie als einen oberflächlichen Ort zeigt (Zyniker würden sagen: „bloßstellt“). Beide Filme spielen im selben Milieu, haben ähnliche Konflikte im Zentrum, greifen auf ein ähnliches Arsenal an Figuren zurück. Aber in THE DEVIL WEARS PRADA erscheint die Modeindustrie (oft als oberflächlicher Zirkus verschrien) als ein bedeutungsstiftendes, sinnvolles Betätigungsfeld. Kurz: Es geht im Film um etwas statt um nichts. Wie gelingt dies?

  • Die Hauptfigur: Andy Sachs trägt den Konflikt zwischen Bedeutsamkeit und Oberflächlichkeit im Herzen. Ist sie eine Person, die sich dem schönen Schein hingibt, von ihren Idealen korrumpiert wird, oder findet sie den Weg zurück zu ihrem alten Selbst? – Die Abenteuer beim Verlag sind zum einen eine Prüfung, die ihr Selbstverständnis in Frage stellen, gleichzeitig aber eine Möglichkeit, um sich zu beweisen – in einem ungewohnten Milieu. So kann der Film zwei Sachen machen: Erstens gibt es einen Fish Out Of Water (immer gut bei Komödien), zweitens einen inneren Erkennungs- und Reifeprozess (perfekt für Romantik und Partnerwahl). Die Kombination gebiert eine klassische Filmerfahrung der Komödie.
  • Die Abenteuer in der Modeindustrie können das Bedürfnis nach einem wertvollen, sinnvollen Leben angesichts von maßloser Opulenz und Oberflächlichkeit nur befriedigen, wenn es in den Abenteuern eben darum geht: Wie wichtig die Modeindustrie und guter Geschmack sind – für ALLE Menschen. Geschmack ist kein Luxus, der Konsumrausch der Modegänger, etwas exzessiv von den Angestellten des Modemagazins gelebt, eigentlich alltäglich. Dieses Moment wird im Dialog oft aufgegriffen, einzelne Szenen drehen sich nur um diesen Aspekt. Auf unterschiedliche Weise wird der Hauptfigur bewiesen, dass das, was sie für vernachlässigbar hielt, eigene Regeln, ein eigenes System hat – und wichtig ist. Aber passt es auch zu ihr? – Diese Frage muss die Figur selbst klären.
  • Die Nebencharaktere: Emily und Nigel sind die Gatekeeper der Modezeitschrift – sie legen die Regeln der Welt dar, sie sind zuerst Andys Mentoren. Aber sie tragen auch die Konflikte der Modebranche in sich. Dabei ist es wichtig: Auch bei ihnen ist die Mode existenziell, ihr Leben (unabhängig vom Job) eng mit der Mode und ihren Heilsbringern verknüpft. Wenn etwas existentiell ist für eine Person, ist es bedeutsam.

Was ist der Vorteil von gesteigerter Bedeutsamkeit für die Komödien-Gattung? – Wenn die Konflikte um nichts gehen (mehr Schein als Sein), dann lässt uns alles kalt. Und wir schalten ab. Deshalb sollten bei Komödien immer hohe Fallhöhen im Spiel sein – aber der Erzählton darf nie tragisch werden.

Ein interessanter Charakter übrigens: Christian Thompson. Ein Journalist, der seinen Einfluss und seine Macht nutzt, um Andy zu verführen. Erinnert heute an Harvey Weinstein, denn auch hier vermischen sich asymmetrische Machtverhältnisse und Sex. Die Figur erscheint heute böser, als sie damals im Film geschrieben wurde. Zugleich, was merkwürdig bleibt: Im ganzen Film wird nicht klar, wie und warum eine junge Frau wie Andy Sachs eine Person wie Christian Thompson faszinieren kann. Ich wage die Antwort: Es ist, weil sie jung und in einem asymmetrischen Machtverhältnis zu ihm steht.

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