Kino, Schreiben

Von der Bedeutung der ersten Szenen im Film und schmutzigen Spiegeln

Joel und Ethan Coen machen dies gern: Sie öffnen ihre Filme mit einer typischen Szene, einer Szene, die dem Zuschauer gibt, was er sich vom Film erhofft. Bewusst oder vorbewusst hofft, das ist unwesentlich. Wichtig ist nur, dass der Autor die Erwartungshaltung ummünzen kann in eine Szene, die den emotionalen Ton des gesamten Films trifft. Dies hat mehrere Vorteile für den Autor – und damit auch für den Zuschauer.

Nehmen wir HAIL, CAESAR!, die Komödie über das Hollywood-Studio-System aus der Schreibmaschine von den Coens: In der ersten Szene überrascht der Studio-Vorsitzende ein illegales (ja, auch das gibt es) Fotoshooting. Die Szene ist paradigmatisch für die klassischen Noir-Detektiv-Filme der 40er und 50er Jahre, ein Ur-Mythos. In der Regel ist es immer Humphrey Bogart, der solche Fotoshootings entdeckt und die Frau vor der Linse vor der Kamera rettet.

In HAIL, CAESAR bekommt diese Szene einen anderen Dreh: Die Frau ist eingeweiht, sie hat eingewilligt und wird nicht ausgenutzt. Stattdessen bieten die Coens den Zuschauern eine plausible Story, wie es in Hollywood damals zuging, wie so eine Szene durchaus sich ereignet haben könnte. Und bieten gleichzeitig Komik für die Zuschauer, die sich in Filmgeschichte auskennen. Diese Szene trifft einen Erzählton und ein Thema, und der Film löst diese Prämisse dann ein.

Im Drehbuch zu BRIDGE OF SPIES geht es ähnlich zu. (Download hier.)

Die erste Szene, sogar die erste Einstellung des Film, gibt vor, worum es im Film thematisch gehen soll. Es geht um das Selbstbild, das man von sich macht: Der Spion, der sich im Spiegel sieht, und sich selbst zeichnet. Im Film geht es dann nicht um eine Fingerübung sondern um das Leben des Spions. Aber auch hier immer wieder: Das Selbstverständnis des Systems, das Spione einstellt und jagt, schaut durch die Augen aller zurück.

Die Spiegelmetapher wird später wieder ausgepackt: Der Richter muss drei unterschiedliche Spiegel innerhalb einer Szene „aufsuchen“, bis er sich zu einer Entscheidung durchringt. Die Szene ist schön gestagged, wirkt aber sehr gekünstelt. Sie ist folgerichtig, wenn man die Spiegel-Metapher in dieser Szene und im Film bemerkt: Der erste Spiegel ist dreckig, der zweite zu klein, erst im dritten kann sich der Richter klar und deutlich sehen. Dort trifft er auch die Entscheidung, die richtige selbstverständlich.

Ähnlich bedeutsam sind die ersten Begegnungen der Figuren untereinander: Jim Donovan soll den Spion Abel als Rechtsbeistand vertreten, er wartet auf ihn im Verhörzimmer, sie begegnen sich zum ersten Mal. Für Donovan ein ungewöhnlicher Ort, aber sonst: Business as usual, er braucht die Einwilligung Abels für die Repräsentation, so gibt es das Regelwerk vor, das ist sein Szenenziel. Er bekommt die Einwilligung, aber dann auch einen Stich: Der Gefangene will mehr, er hätte gerne Malfarbe und Zigaretten. Der Anwalt begrenzt seine Hilfe aber ausschließlich auf den Rechtsbeistand.

Schon in der dritten Szene, die die beiden Figuren teilen, die zweite im Verhörzimmer, bringt Donovan dem Spion Zigaretten und Malutensilien mit.

Die Entwicklung der Beziehung wird so wunderbar schnell und genau beschrieben: Es braucht nicht mehr und wir verstehen, was passiert ist, die Annäherung Anwalt und Verurteilter hallt leise in einer Szene nach, die im Begriff ist, eine neue Melodie zu etablieren.

Schließlich die Begegnung mit Jim Donovan: Der Film baut gleich mit der ersten Dialogzeile die Verbindung zum Verurteilten auf – der Anwalt trifft den Spion aber erst mehrere Szenen später. Der Dialog gibt als Dialogzeile das Programm vor: „Not my guy!“. Der Film arbeitet daran, Jim Donovan das Gegenteil zu beweisen. Kurz vor Schluss, im Flugzeug zurück in die freiheitsverliebten Staaten, sackt der Gedanke: Yes, he is your guy.

Ein sehr schöner Film. Zuletzt natürlich wegen Steven Spielberg und seines Teams. Wer einmal entdecken möchte, was „richtige“ Filminszenierung bedeutet, der braucht nur die erste Seite des Drehbuchs mit dem finalen Resultat zu vergleichen. Großartig!

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