Jedem Film sein eigener Blindspot

Jeder Film hat seinen eignen Blindspot. Was ist ein Blindspot? – Ein Bereich in deinem Sehfeld, den du leichtfertig übersiehst oder nicht sehen kannst. Autofahrer kennen Blindspots, sie gehören zum Fahrerlebnis, zu der Beschaffenheit der Wagen und ihrer Spiegelsysteme. Im Kino sind die Blindspots mitten im Gesichtsfeld, mitten im Bild, immer im Licht, immer erkenntlich. Sie gehören auch zu der Erfahrung der Zuschauer.

Was kann ein Blindspot sein? – Es ist der Punkt in der Geschichte, der die ganze Konstruktion des Narrativs ad absurdum führt oder unglaubwürdig macht. Ein Blindspot bei HERR DER RINGE sind die Riesenadler, die die Hobbits auf ihren Rücken nach Mordor bringen. Warum diese Vögel nicht schon viel früher einsetzen? – Die Reise ist das Kernstück des Films, die Strapaze darf der Film nicht erleichtern, sonst gäbe es keinen HERR DER RINGE.
Jeder Film hat einen anderen Blindspot: Es ist der Punkt, der die Erzählung unmöglich macht, den Weltentwurf als Konstruktion von Schreibern und Filmemachern vorführt.
Nehmen wir die Komödie THE REF. Ein Gauner nimmt ein Ehepaar als Geißeln – nur ist das Paar anstrengender als Knast. Natürlich geht der Film gut aus, sie werden Freunde und das Paar, das sich in Paar-Therapie befindet, durch den Gauner höchstpersönlich therapiert.
Ein Blindspot bei der Denis Leary Komödie THE REF sind die Telefonate mit seinem Handlanger: Der Handlanger gehört nach draußen, Denis Leary aber darf die Weite der nächtlichen Landschaft niemals betreten, denn sonst müsste er seine Geißeln zurücklassen. Dann gäbe es keinen Film. Die Autoren konstruieren also eine Story, sie geben dem Handlanger etwas Screentime, damit das gedankliche Gerüst, das der Kern der Geschichte ist (Leary nimmt Geiseln), nicht zu stark kenntlich wird. Ob die Geschichte des Handlangers großen Sinn im Ganzen macht – das ist dann nicht mehr wichtig.

Warum trennt sich die Gruppe bei Horror-Slasher-Filmen? Zusammen wären die jungen Erwachsenen stärker und wehrhaft, aber das Monster hätte dann kein leichtes Spiel mit ihnen. Aber genau das Gemetzel wollen wir als Zuschauer von Slasher-Filmen sehen, der Blindspot, das momentane Aussetzen der Glaubwürdigkeit einer Erzählung, wird deshalb im vorauseilendem Gehorsam akzeptiert.

Der Blindspot existiert also nur in der Erzählung, im Konstruktionsprinzip des jeweiligen Films. Blindspots können Genre-Phänomene sein, müssen sie aber nicht.
Jeder Film hat diesen Punkt, eine Prämisse, die der Zuschauer absegnen muss, damit die Erzählung funktioniert. Desto unauffälliger, desto gelungener die Filmerfahrung.

 

 

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