Serie

M – eine Stadt sucht einen Mörder

Wenn man Fritz Langs Filmklassiker zum ersten Mal sieht, könnte man voreilig denken, dass dies ein emotional kalter, den Zuschauer abweisender Film sei: Die Figuren leben nur als Zeugen und Träger ihrer Zunft, sie sind nicht psychologisch oder sonstwie charakterisiert, die Berliner Straßen kennen keinen Himmel, nicht die Wärme der Sonnenstrahlen, die Gespräche drehen sich fanatisch alle nur um eines: um den Kindsmörder und um die Furcht vor ihm.

Eine besondere Nähe zum Zuschauer durch Identifikationsmöglichkeiten aufzubauen möchte der Film aber gar nicht. Statt dessen orchestrieren Fritz Lang und sein Team eine Jagd nach weggeworfenen Alltagsdingen, ausgesungenen Melodien und entsorgten Indizien, die eine unglaubliche Sogwirkung entfaltet. Am Ende der Jagd steht der Mensch, aber so, wie ihn die meisten Zuschauer nie zu Gesicht bekommen haben: Das Monster im Menschen, der Mensch als Monster, der am Ende doch nur Mensch ist.

Ein Netz aus Spionen, die Ermittlungsansätze und -methoden der Polizei, die Gewerkschaft der Bettler drängen an die Oberfläche der Bilder. Die Kamera, die kalt aus der Vogelperspektive beobachtet, erfasst die Beobachteten wie eine Registriermaschine, sie nimmt Formen wahr, deckt Spuren und den Austausch von Blicken auf, bleibt abseits, um, im richtigen Moment, durch eine Großaufnahme ein wichtiges Detail den Ermittlern und den Zuschauern aufzudecken. Im Bild finden sich genauso Menschenformationen, Werkzeuge wie auch Großaufnahmen von Registern, Akten, aufgebrochenen Türen.

Alles ist klassifizierbar, ist Indiz, ist Beweis für ein Ordnungssystem, das auf Zusammensetzung und Anwendung wartet. Informationen müssen geordnet werden, um im Gegenzug die gegenständliche Welt und ihre Nutznießer zu ordnen – so die Aussage des Films.
Das Geniale an dem Film, schaut man sich die Erzählung an, ist der innovative, komplett ungewöhnliche und einmalige Erzählfluss, die die Menschenjagd nachvollziehbar und greifbar macht. Motive und Gründe der Angst der Bevölkerung, die kräftezehrende Ermittlungsarbeit der Polizei werden dargelegt, die Regeln und Gesetze der unbekannten Welt der Kleinkriminellen und Obdachlosen auf originelle Art vor Augen geführt.

World Building ohne Helden, der langwierig durch einzelne Milieus streifen und sich mit Milieu-Trägern unterhalten muss. Und der Zuschauer wird auf die Reise mitgenommen, ohne bevormundet zu werden. Genial!
Der Trick für die dynamische Erzählung ist der Rückgriff auf Voice-Over-Kommentare, ein poetisch-metaphorischer Umgang mit der Bildmontage, die extradiegetisch motivierten Kamerafahrten (Kamerabewegungen wie in einem Horrorfilm, nur geht es hier nicht um Atmosphäre sondern um die Kommentar-Funktion der Bildgebung), die mise-en-scène, die eine externen Blick auf Menschenmengen erlaubt, die Menge als Ganzes (Formation) vorführt.
RTL Crime versucht sich gerade an einem Remake des Klassikers. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Macher (David Schalko und Evi Romen) verstehen, welche innovative Kraft, welche Poetik M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER in die Welt gesetzt hat, noch dass sie einen ähnlichen Wurf heute wie Fritz Lang damals wagen werden. Trotzdem: Drücken wir die Daumen, dass es gut wird.

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