Von der Größe der Leinwand – von der Rettung des Kinos auf den heimischen Bildschirmen

Was ist der Zusammenhang zwischen den Emotionen, die wir im Kinosaal empfinden, und der Größe der Einstellungen, die wir zu sehen kriegen? – Für die Großaufnahmen in herkömmlichen narrativen Filmen gilt: Es gibt darauf zwei gegensätzliche Antworten, beide sind Glaubensbekenntnisse.

Es gibt eine Beziehung zwischen einer Großaufnahme (Darstellungsweise) einer Person, die gerade in Tränen ausbricht (- der Inhalt), und der Gefühle, die diese Aufnahme im Erzählfluss in uns auslöst. Was bringt die Großaufnahme jenseits der Erzählung, ergänzt sie die Emotionen, die wir fühlen, wenn wir die Erzählung im Kinosaal erleben? – Hätte es also ausgereicht, zu lesen, dass die Person gerade in Tränen über xy ausbricht, wie man in einem Roman liest, um selbst tief betroffen zu sein? Die Großaufnahme wäre in diesem Fall abkömmlich, man könnte auch die Totale nutzen.

Oder bringt die Großaufnahme (- die Darstellungsweise) diese Gefühle erst hervor? Unser tiefes Betroffensein angesichts der Person, die in Tränen ausbricht, würde auf der Großaufnahme ihres Gesichts gründen. Aber wozu dann die Erzählung der Person, die gerade in Tränen ausbricht? Dann könnte man sich die narrative Konstruktion sparen, es werden einzelne Großaufnahmen aneinandergereiht, die uns affizieren, Gefühle „auslösen“ jenseits einer wie auch immer gearteten Erzählung.

Das wären die beiden Positionen, zu denen man sich als bewusster Filmzuschauer und/oder Filmschaffender verhalten muss. Die Kombination eines ästhetischen Mittels (Großaufnahme) im Moment einer dramatischen, emotionalen Situation (Inhalt) ist seit dem Frühen Kino äußerst erfolgreich. Die Theorie- und Philosophie-Werke zu dieser Frage sind Legion.

Der narrative Film hat zwischen diesen beiden Polen einen Kompromiss ausgehandelt: Die Großaufnahme kommentiert die Erzählung, verstärkt den Effekt, den die Erzählung zeitigt. Damit bekennt sich das herkömmliche Kino zu der Größe der Einstellung, es bejaht den Zusammenhang zwischen der Größe der Leinwand (Großaufnahme, Gesicht in groß) und der starken Emotion, die hervorgerufen werden soll (wir sollen alle tief betroffen sein).

Deshalb bleibt das Kino immer noch ein besonderer Ort, auch angesichts von Netflix und Couch-Kino. Die aktuellen Filme und Serien weichen nicht von den ästhetischen Mitteln des Kinos ab. Die Ästhetik der Kinosäle pflanzt sich auf den heimischen Mini-Bildschirmen fort. Damit werden aber die Kinos gerettet, sie bleiben unverzichtbar, weil wir nur dort die „richtige“ Kinoerfahrung machen können, nur dort die Emotionen in voller Größe erleben können.

 

 

 

 

 

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