GODLESS

Western sind Mythenbegründer, und das von Anfang an. Das amerikanische Kino bediente sich der Cowboys, um sich selbst als Institution zu festigen. Am Anfang standen die projizierten Bewegungsbilder (wie so viele disruptive Innovationen der Gesellschaft) auf wackligen Füßen. Wie das meiste, was neu ist, brauchten auch die Filmstreifen eine Legitimation, eine Daseinsberechtigung, die sie nicht aus sich selbst heraus hervorbringen konnten. Das Kino kam, um zu bleiben, deshalb durfte sich sein Reiz nicht in der Illusion der Bewegungsbilder erschöpfen.

Die frühen Filme griffen also auf altbewährte Genres aus dem Theater, dem Variété, der Literatur, der Malerei etc. zurück, um sich zu legitimisieren. Die Kunststücke der Cowboys aus den Variétés und Wild West Shows passten hervorragend zum Programm der (wandernden) Filmvorführer.

Cowboy-Kunststücke und das Chaos des Wilden Westens boten Schauwerte, die der Attraktion der bewegten Bilder den dringend benötigten Inhalt gaben. Damit geschahen zwei Dinge: Das amerikanische Kino gründete den Mythos des Cowboys, schnitt die Legende immer besser zurecht, bis der Mythos, zur Kommodität, mit bloßen Händen greifbar geworden, als Ware nach Europa wanderte und neu interpretiert werden konnte. Das war die eine Seite. Die andere: Durch den Wilden Westen wurde das Kino selbst zum Mythos und zum Ort der Mythenbildung. Kein anderes Medium der Moderne kann so gut gesellschaftliche Symbole hervorbringen wie das Kino, John Wayne ist der Beweis.

Wenn also heute ein neuer Western auf den Markt kommt, kann sich der Western der nun jahrhundertalten Tradition des Kinos nicht entziehen. Die Figuren sind kodiert, der Themen-Rahmen vorgegeben, die Handlung entwirft sich stets als eine Antwort auf das, was in anderen Filmen vorausgegangen ist: Die Sergio Leones, die John Waynes, aber auch die einfachsten Western aus der Stumfilmzeit setzten Plots, Handlungsmuster, Figuren, die das Genre auch heute prägen.

In der Hinsicht hat mich GODLESS, der jetzt auf Netflix zu sehen ist, begeistert und am Ende doch etwas enttäuscht. Scott Frank, der Autor und Regisseur der Miniserie mit filmlangen Folgen, kennt natürlich das Erbe, das er antreten muss. Er kennt all die Western-Tropen. Er spielt mit unseren Erwartungen, ohne dass sich seine Spiellaune allzusehr aufdrängt. Er kitzel beim Vorbeigehen. Kurz: Er frischt ein altbackenes Konzept auf.

Was ist das Neue? Ich habe folgende Antworten gefunden:

  • die Figuren-Konstellationen und die neuen Figuren: ungewohnte Figuren, vor allem auf der Seite der Frauen, drängen in das traditionell männliche Genre; Kelly Reichardt hat in MEEK’S CUTOFF eindringlich demonstriert, wie viel Potential hier noch steckt. Hier ist es vor allem die Beziehung zwischen Mary Agnes und der Prostituierten, die als Lehrerin in einem ehemaligen Puff die Kinder unterrichtet, Callie Dunn; aber auch die deutsche Auswanderin, die außer der letzten Folge immer nur nackt zu sehen ist, überrascht und spielt mit den Erwartungen
  • Die Darstellung der amerikanischen Eingeborenen und Alice Fletchers Sohn Truckee: Die Indianer sind da, leben in anderen Gemeinschaften, sind jenseits von Gut (wie bei DANCES WITH WOLVES: entweder sehr gut und edel oder unglaublich böse) und Böse (wie in vielen rassistischen Western aus der Klassischen Hollywood Ära); vor allem Alice Fletschers Schwiegermutter ist eine komplett neue, ungesehene Figur, die in ihren Szenen leicht der Hauptfigur die Show stiehlt
  • unglaublich, wie sicher der Main Cast im Sattel sitzt, wie toll die Schauspieler reiten und mit Pferden umgehen; auch eine schöne Idee, die den Liebesplot verdichtet: die Figur des Pferdeflüsterers (bekannt aus Melodramen) in ein „hartes“ Genre einzuführen
  • die Kameraarbeit (mobile Handkamera / Steadycam mit Weitwinkel-Objektiv) und der Wind, das Flackern des Lichtes nachts – ästhetische Zeichen, die (für mich jedenfalls) neu sind, unglaubliche Dynamik in die Szenerie tragen

Was ist das Bekannte, das überrascht? – Hier wäre zu nennen:

  • Jeff Daniels als Frank Griffin: ähnlich wie Frank (der Namensvetter) aus C’ERA UNA VOLTA DI WEST wird eine radikal böse Figur mit einem Schauspieler besetzt, der eigentlich von der Physiognomie her sympathisch und lieb wirkt – es funktioniert gut und die Faszinationskraft der Figur wird so ins Unermessliche erhoben
  • Whitey Winn, die rechte Hand des Gesetzeshüters: da so jung, fürchtet man als Zuschauer seine fehlende Erfahrung, seinen Übermut und seine Arroganz, die Tragödien nach sich ziehen können. Aber nein, er ist, oft, besonnen, mutig und loyal; auch die Liebesgeschichte, die sich anbahnt, wirkt unverbraucht
  • Roy Goode: der Gute, der Analphabet, der das Lesen lernt, seinen Bruder sucht, seine Geschichten im Kinderheim – großartig; Roy Goode als Figur zwischen zwei antagonistischen Systemen: Die gute Nonne versus den bösen Scharlatan-Priester, beide Figuren in dieser Hinsicht aber jenseits ihres männlich-weiblich Gegensatzes entworfen
  • die Abwesenheit der oberen Instutitionen: Es fehlt der Pfarrer der Gemeinde, auf den die Gemeinde monatelang wartet (die Kirche ist im Bau), es fehlen die Gesetzeshüter, es fehlt die Präsenz einer wie auch immer gearteten Macht angesichts der Wildheit der Natur, der Bösartigkeit der Menschen – deshalb eben: Godless. In diesem Artikel wird dieser Aspekt wunderbar hervorgehoben. Der Staat ist dysfunktional, die Gemeinschaft muss das Gesetz in die eigene Hand nehmen; dies artet aber nicht aus (wie die Lynchjustiz in klassischen Western), sondern führt zu einer gemeinsamen Rettungsaktion, die die Gemeinschaft trotz der Verluste am Ende stärkt
  • die Massaker: Es ist richtig, die Gewalt und das Grauen in dieser Präzision zu zeigen; oft werden die Auswirkungen der Schießereien in Western ausgeblendet, was gewaltverharmlosend wirken kann – so aber nicht hier; wo es keine regierende Macht gibt, wo das Land zwischen Gut und Böse aufgeteilt wird, heißt die gemeinsame Währung Gewalt

Warum bin ich von GODLESS trotzdem etwas enttäuscht? – Wie so oft hängt das mit dem Ende zusammen. Es ist ein gutes Ende, aber gleichzeitig ging mir das Ende nicht weit genug. Es war erwartbar, überraschte wenig. Derselbe Inhalt wäre, stark verdichtet, auch als Film denkbar gewesen – und die main topics wären gewahrt, Nebenhandlungen zusammengestaucht. Wenn diese Geschichte dieses Ende finden sollte, warum musste ich dafür fast 8 Stunden Serie gucken? – diese Frage drängte sich mir auf.

Deshalb die Frage: Vielleicht gehören Western, in verdichteter Form, wirklich nur ins Kino? – Kino und der Wilde Westen hatten schon immer eine ausgezeichnete, die beste, Partnerschaft.

 

 

 

 

 

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