Was ich mir von der ARD wünsche

Die Diskussion gibt es schon lange, sie wird heute nur noch verschärft geführt: Das Programmangebot der öffentlich-rechtlichen Sender ähnelt immer mehr dem der privaten Sender, es gibt ein Overkill an Krimis, bei finanziell solider Auslastung gibt es nur den Einheitsbrei und keine Geduld für Quotenversager, Qualität findet man woanders und an diesem Ort die Jugend bestimmt auch gleich mit usw. Okay, klar.

Was mich aber interessiert ist: Wieso reduziert die ARD (stellvertretend für die Öffis) ihren Auftrag („einen Beitrag zur individuellen und öffentlichen Meinungsbildung zu leisten und so zu einem funktionierenden demokratischen Gemeinwesen beizutragen“) auf aktuelle, journalistische Themen und Inhalte statt sich mit der Medienkompetenz des Publikums auseinander zu setzen?

Die deutschen Fernsehfilme orientieren sich an bestimmten gesellschaftlichen Diskursen, die sie dann formatgerecht präsentieren: Krimi über Bulimi, Komödie über Helikopter-Eltern, Drama (was sonst?) über Zuwanderung, Dokumentarfilm über Insekten… Um dieser Welt der Aktualität und moralischen Überlegenheit eine Alternative zu bieten, werden wenig versprechende Erstlingswerke finanziert, die unter dem Label „Experiment“ den Weg auf die Bildschirme der Nation finden. Diese Vorgehensweise scheint die Regel zu sein. Das ist okay und schließt meine Forderung nicht aus.

Warum wird der Fiktion und den Regeln der Fiktionen und den großen Erzählungen so wenig Beachtung geschenkt? – Anders gefragt: Warum wird das Bewusstsein für Genre, Kino-Tradition und -Modelle von den Öffentlich-Rechtlichen nicht vermittelt, wo doch genau das heute dringend nötig ist?

Oft haben die meisten Zuschauer eine naive Vorstellungen davon, was ein Film sein sollte, wie wir uns zu Bildern und Tönen verhalten und was Bilder mit uns machen. Manchmal haben unsere naive Ahnungen Recht, oft ist es nicht der Fall. Um einen Film zu erleben und sich auf ihn einzulassen braucht es kein kritisches Bewusstsein, keine zusätzliche Ebene der Reflexion. Gewiss nicht, und das ist auch die Stärke des audiovisuellen Mediums.

Aber dieses Bewusstsein ist heute notwendig geworden, nicht unbedingt für Filme, aber für uns.Virtual Reality war ein schöner Hype, der langsam in der Realität ankommen wird, Augmented Reality ist schon da (seien es Nintendo, Navigationssysteme oder eine Bastelanleitung), Bilder drängen in die reale Welt, unser Umgang mit Bildern ändert sich. Aber auch in traditionellen Medien fließt eine ungeheure Kraft in die Produktion von Bilderwelten (Theateraufführungen ohne Videoproduktionen sind rar geworden, Museen müssen ihre Sammlungen audiovisuell präsentieren etc.). Ganz zu schweigen von unserem eigenen Fanatismus, das perfekte Selfie, das perfekte Bild zu machen – regelmäßig stürzen dabei Menschen über Klippen in den Tod. Wenn das kein Beweis für die Macht der Bilder über uns ist, dann weiß ich auch nicht…

Heute brauchen wir einen bewussten Umgang mit audiovisuellen Medien mehr denn je. Und das schließt ein, dass jedem, der die Rundfunkgebühr zahlt, die Möglichkeit geboten werden sollte, von einem medienkritischen Beitrag zu profitieren.

Was heißt das konkret?

  • Mehr Genre-Filme, alt und neu: Das Kino, das wir heute erleben, gründet auf einer langen Tradition, die Figuren und die Erzählweisen sind codiert, sie neu zu interpretieren, mit ihnen zu spielen, sie auseinander zu nehmen um sie wieder zusammen zu setzen – das tun die besten Filme, die es im Kino und auf Festivals international zu sehen gibt, das tut fast kein einziger deutscher Film, denn Genre ist in Deutschland kein Thema (mehr)
  • Die Künstlichkeit der Filme herausstreichen: Besonders bei Jugendlichen verbreitet, die Annahme, dass in den Bildern so etwas wie Wahrheit stecke. Der Zuschauer gleicht sich mit den fiktiven Charakteren ab, beobachtet ihre Lebensentscheidungen, man spielt die Metapher durch und sieht Differenzen zu sich; da die Leinwand mehr Glanz und Glorie bietet, wirkt das eigene Leben im Vergleich zu der Leinwand ziemlich fad. Das erzeugt ungemein psychischen Druck, perspektiviert viele Lebensentscheidungen in Bezug auf filmischen Erzählungen ; Filme nehmen so Einfluss auf unsere persönlichen, subjektiven Entscheidungen; Fiktionen tun das immer, aber der Grad, wie wir uns von ihnen beeinflussen lassen, variiert stark nach Charakter und Medium, wobei Filme in der Hinsicht besonders sind: Filme waren nicht zufällig ein beliebtes Propaganda-Werkzeug
  • Die Aufführungsmodelle in Frage stellen: Das neunzig Minuten Filmformat gründet auf wirtschaftlichen Faktoren: Als die bahnbrechende Erfindung Bewegungsbild im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts standardisiert wurde, eigneten sich Filme mit 90-120 Minuten Vorführdauer für die Kinobetreiber bestens, um ihre Vorführungen zu takten; dann und zeitgleich (kausale Bezüge sind schwierig in solchen Dingen) haben sich die neunzig bis hundertzwanzig Minuten auch als Erzählrahmen für packende Erzählungen etabliert, was die 90-120 Minuten Länge der Aufführungsfenster bestätigt hat. Heute sind standartisierte Aufführungen nicht mehr so zwingend wie vor zwanzig Jahren: Kinos können ihre Vorstellungen allen Vorführarten anpassen, um den bestmöglichen Gewinn in den Sälen zu erzielen; Serien stellen die dominierende Rolle von Spielfilmen und Romanen als Hort des Erzählens in Frage, indem sie sich als Erzählgattung der Autoren (Showrunner) etablieren; Auswertung von Filmen sind nun auf mehreren Screens möglich usw.  Mit diesem Wissen kann man spielen, neue Aufführungsexperimente wagen (das Geld ist da, auch wenn die ARD-Gremien etwas anderes behaupten, behaupten müssen)

Als Filmschaffender sind das drei Beispiele, die mir dazu einfallen. Es gibt mehr, bestimmt. Und ich freue mich auf Hinweise darauf, wie man der Bilderflut, die sich in die Welt durch unsere Apps, Beamer, Autos und Screens ergiesst, nicht Herr oder Dame wird, aber einen produktiven, distanzierten Umgang mit den Bildern lernt.

Wozu lernen, was ist die Gefahr, wenn wir unmündig bleiben? – Die Antwort ist: Donald Trump. – Wenn wir zwischen dem, was fabriziert wurde, um einen Effekt zu erzielen, um mitzureißen und zu polemisieren und der Realität (ein Gefüge aus Beziehungen, intersubjektiv kommuniziert, fragil, zerbrechlich aber stark) nicht unterscheiden können, tendieren wir zu dem Effekt, zu dem Wuchtigen, zum Populisten.

Deshalb: Medienkompetenz (im weitesten Sinne des Wortes) sollte einer demokratieliebenden Institution wie der ARD am Herzen liegen.

 

 

 

 

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