A History of Violence – Cronenberg

David Cronenberg wurde mit dem und im Body-Horror-Genre berühmt: Menschen verlieren Gliedmaßen, erweitern mit neuen Wesen und Gegenständen ihre Körper und ihre Körpererfahrung – oder sie mutieren selbst zu neuen Wesen (THE FLY ist das beste Beispiel). Diese Themen klingen in Cronenbergs Filmen immer wieder an, kreischend laut (CRASH) oder zurückhaltend leise (EASTERN PROMISES). In A HISTORY OF VIOLENCE aber scheint es keinen Bezug zu verstümmelten Leibern oder körperlichen Grenzerfahrungen zu geben – die einzigen Rot-Akzente im Film sind die paar Szenen, in denen die Gewalt ausbricht und nicht mehr aus der Welt der Kleinstadtidylle verbannt werden mag. Aber der deutlich unterstrichene Gewaltexzess – durchschossene Kiefer, eingedrückte Nase, zerschmetterter Kehlkopf – ist nicht der einzige Link, den der Film zum Body-Horror aufmacht.

Body wird in diesem Film nicht als abgeschlossene Einheit gedacht, es geht nicht mehr um den Einzelnen, der Familienkörper steht im Mittelpunkt. Der Film zeigt auf, wie die  Handlung und die Entscheidungen des Einzelnen die Dynamik der Familie beeinflussen. Machtverhältnisse, Zuneigungen – alles ändert sich. Gewalt, die nach außen getragen wird, die außen ausbricht, wird von dem Individuum wie ein Virus ins Innere der Familie getragen. Aber nicht, und das ist das Einmalige und Geniale an diesem Film, nicht durch die Handlungen des gewalttätigen Individuums innerhalb der Familie. Das Individuum trägt den Exzess – die aufgeplatzte Lippe, das aufgerissene Gesicht, der zerschossene Fuß – wie eine Krankheit, die auf ihm lastet, in einen gesunden Familienkörper. Die anderen Mitglieder reagieren, sie verändern ihr Verhalten, sie ändern ihre Gefühle gegenüber der gewalttätigen Person, Gewalt spielt auf einmal eine Rolle innerhalb der Familie. Damit gerät aber das Gefüge der Familie durcheinander.

Es gibt bei Gewalt ein Davor und Danach, eine Geschichte. Die ausgebrochene Gewalt kann der Einzelne, ist er teil einer Gemeinschaft, nicht mehr alleine eindämmen. Die Taten holen ihn ein und bringen die Gewalt zurück. Diesen Zirkel der Gewalt, diese Art der Wiederkehr der Gewalt, auch wenn man sie am liebsten aus dem Leben verbannen möchte, beschreibt A HISTORY OF VIOLENCE eindringlich, bestimmt und, trotz der Gewalt-Exzesse: auf eine leise und mitfühlende Art. Der Body-Horror ist am Ende die Spirale der Gewalt, in der wir uns bewegen.

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