IL GUEPARDO – die Streifzüge Luchino Viscontis

Opulenz, ausgeräumte Schlösser, schwitzende Leiber, bröckelnder Putz; Müdigkeit in den Gliedern, ein Kniefall angesichts des Todes. Der Lebensmodus der Sizilianer, ihre Gesinnung: Alles verändert sich, die Kulisse bleibt dieselbe, die Armut, der Zerfall begleitet jeden einzelnen. Selbst den Fürsten, den Lepoarden. Angesichts des Ausufernden, der Opulenz, angesichts der sizilianischen Schlösser verzichtet IL GUEPARDO auf Asche als Bildmotiv. Wie einfach wäre es, Zerfall und Auflösung mit grauem Staub zu zeigen, Wind, der die Asche über die Schaumkronen der Wellen trägt, auf dem verbrannten Gras der Berge verstreut. Stattdessen im Bild: Statuen mit Blicken, die ins Nirgendwo gehen, bröckelnde Fassaden, Kirchenglocken, die den Tod einläuten, Pfarrer auf dem Weg zur letzten Salbung, Urin in Vasen im Bad der feinen Gesellschaft, Gemälde über siechende Kranke, leere Räume, die nur noch durch ihre verbliebene Weite dem Glanz alter Tage nacheifern.

Der Kleingeistige rechnet, er rechnet seine Chancen aus, er geht Beziehungen ein, er sucht sich Helfer, er versteckt seine Schätze, seine Frau vor allem, die bildschön ist, so schön, dass sie ihren Anblick nicht teilen mag, er wittert Missgunst, er ist hässlich, ihm fehlt es an Haltung, Grazie, Eleganz und Auftreten. Er flößt niemandem Respekt ein, auch nicht der Kapelle, die zum Spielen auf sein Signal warten sollte. Sie spielt trotz ihres verfrühten Einsatzes, trotz seiner Protestschreie, trotz seiner Flüche.

Von oben hinunter sieht der Leopard, weil es ihm nicht nur durch seinen Status in der Gesellschaft gegeben ist, über andere zu herrschen. Er ist auch von großer Statur, er ist stattlich, groß, attraktiv. Der Kleinbürger, der raffgierige, ist klein, braucht die Höhe des Turmes, um sich Achtung während seiner Ansprache zu verschaffen. Niemand würde für ihn so schnell den Kopf in den Nacken legen, wenn er spricht. Er ist eine Hyäne, vielleicht auch ein Aasfresser, den der Löwe zu einem Festschmaus der Kleider und Tänze eingeladen hat. Der Gastgeber bleibt der Löwe, die Hyäne wird nie Löwe sein, der Löwe sich nie der Hyäne beugen, es bleibt nur die Zeit, die den Farben ihren Glanz, den Räumen ihren Nutzen und den Körpern ihr Leben nimmt. Es ist, wie es ist, keine Tragik, kein Zweifel kommt auf – auch keine Reue.

In Sizilien, in seinen Palästen, die sich auflösen, wird nichts bereut. Man ist schließlich in Sizilien! Die Neuen, die Nachfahren und Neuankömmlinge, die Nutznießer der gesellschaftlichen Umschwünge, verändern wenig, sie herrschen anders, beanspruchen andere Räume für sich, haben andere Manieren und zeigen glanzlose Taten.

Die Zeit der Löwen geht vorbei. Wenn wir uns der Reue anheim geben, dann müssen wir weinen, der Leopard weiß es. Sein Körper, seine Haltung vor allem, wird die neue Zeit nicht überdauern. Mit dem Ende seines Lebens werden die Räume der Paläste, werden sich die Feste und die Prozessionen ändern, sie werden einen neuen Charakter kriegen. Der Fürst steht nicht nur für die Zeit der Leoparden, er ist diese Zeit.

 

Il GUEPARDO ist eines der Meisterwerke von dem italienischen, mailänder Regisseur Luchino Visconti. Mit Burt Lancaster in der Rolle als sizilianischer Fürst, der seinen Wurzeln auf der Insel tief verbunden ist, gingen die Filmemacher ein großes Risiko ein. Die Glaubwürdigkeit der aufgebotenen Welt stand auf dem Spiel. Es verwundert wenig, dass Lancaster eine Woche lang proben musste, bis er das italienische Handzeichen für Ciao beherrschte. Details waren Visconti in den historischen Filmen wichtig. IL GUEPARDO / DER LEOPARD war eines der teuersten Filme von Luchino Visconti und von der italienischen Produktionsfirma Titanus – man sieht die Opulenz in jedem Bild. Die damals gebräuchliche Ausleuchtung über Deckenleuchten stört manchmal den Genuss, mildert aber nicht die Atmosphäre, die uns die Bilder einer vergangenen und doch für uns zum Leben erweckten Welt bieten. Schaut den Film, er ist toll.

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