SHOCK DES REALEN im Kino – eine Anmerkung

Gestern habe ich an einem Symposium in Berlin teilgenommen: Shock des Realen war das Motto, die Teilnehmerzahl übersichtlich und die Suche nach dem wirklichkeitsgewandten Kino die herrschende Leitfrage. Organisator war u.a. Christoph Hochhäusler. Im Rahmen der Panels fand ich das Gespräch zwischen der Professorin Gertrud Koch und dem Filmkritiker Ekkehard Knörer bemerkenswert. Es ging um Realismus, um Realismen und Realitätseffekte des Kinos.

Ekkehard Knörers Bemerkungen über Dokumentarfilme und Kino im Allgemeinen überraschten wenig – als Kritiker und Filmkenner hat er einen geschulten Blick und ein Arsenal an Argumenten und theoretischen Modellen, die er schnell in Anschlag bringen kann. Seine Argumente untermauerten sehr säuberlich das theoretische Grundgerüst, das man als strebsamer Kritiker in Deutschland hat. Das ist gut. Schwierig wird es, wenn das Gerüst, das man sich mühsam erbaut hat, droht, das Neue und Überraschende zu verdecken, neue Ideen und Ansätze in Gewohntes zu verwandeln. Unnötige Baustellen, die das Vorankommen erschweren, kennt man nicht nur als Verkehrsteilnehmer. Anders gesagt: Hätte er manchmal besser zugehört, hätte die Diskussion an Spannung gewonnen.

Gertrud Koch hat in ihrem neuen Buch „Die Wiederkehr der Illusion“ einen brisanten Ansatz geliefert. Selten wird das genügend gewürdigt. Salopp und vereinfachend gesagt: Sie will mit einer ästhetischen Subjektivitätstheorie das herausarbeiten, was man vor gut fünfzig Jahren wohl das „Wesen des Kinos“ genannt hätte. Ihre Ansätze knüpfen direkt an eine ästhetische Erfahrung an, die man im Kino jenseits von Plot und Genre macht. Das ästhetische Erleben der Bilder durch unsere und in unserer Subjektivität ermöglicht erst die Erfahrung von Kino, gründet die Popularität, die Bewegtbilder immer hatten. Wenn der Zuschauer als Subjekt zu der Filmwahrnehmung addiert wird – ein Film ohne Zuschauer ist nun einmal kein Film sondern bloß Artefakt -, dann fallen binäre Grenzen. Welche Grenzen genau? Beispielsweise die zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Auf diese Grenzziehungen kamen beide Diskutanten zu sprechen, als es um einen Dokumentarfilm ging, der die internationale Produktion eines Spielfilms via Found-Footage und Desktop-Animationen erfahrbar machte. Dokumentarfilme seien, so Koch, auch nur ein Genre, so wie Drama oder Science-Fiction. Der Zuschauer hat zwar einen anderen Bezug zu den vorfilmischen Dingen. Der Modus der Erlebens aber ähnelt dem eines Fiction-Films. Diese Punkte wurden im Gespräch gestreift, werden ausführlich in ihrem Buch besprochen. Aber auf der Bühne kam es dann doch zu kurz. Zu schnell war die Diskussion unterwegs in Richtung der marktgerechten Produktion von Bildern und Tönen. Einen Schritt weg von der Dringlichkeit des Kapitals hätte ich mir für die Diskussion sehr gewünscht. So weckte die Diskussion den dringlichen Wunsch in mir, wieder das Buch „Die Wiederkehr der Illusion“ zu lesen, offene Fragen zu vertiefen. Deshalb: gute Diskussion, aber da ging noch mehr. 😉

 

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