Filmstill aus INDIANA JONES – RAIDER OF THE LOST ARK (Paramount)

Der erste Indiana Jones Film gilt zurecht als Meilenstein der Spielfilmdramaturgie. Was mich am Plot am meisten verwundert hat – und Bewunderung heraufbeschwor–, ist die Agency des Helden, die Handlungsmacht.

Wie viel verändern Indianas Taten, die den Einsatz des Lebens fordern, wirklich?

Indiana Jones wird im Dialog als Relikte-Jäger charakterisiert. Auch seine Handlungen beweisen, er ist ein besessener Archäologe, der zwar über Ausgrabungsstätte und langwierige Arbeit der Forscher doziert. Im eigentlichen Arbeitsleben, wenn er den Anzug gegen die Lederweste und die Peitsche eintauscht, mag er es dann lieber unkompliziert und aufregend. Seine Arbeit kommt da der eines Detektivs gleich, eines Ermittlers, der von A nach B reisen und dabei Informationen verwalten muss.

Er ist einer der besten Relikte-Jäger der Welt. Nur Belloq – Indys alter Ego, seine Nemesis und der Antagonist der Handlung–, ist besser: Er nutzt Indianas Fähigkeiten, um an die begehrten Gegenstände zu kommen.

Belloq macht sich nicht die Hände schmutzig, er ist, wie er auch mehrmals betont, zivilisiert. Der Gegensatz zu ihm: Ein vernarbter, schwitzender, blutig geschlagener, immer am Rande des Abgrunds baumelnder Indiana Jones.

Der Clou der Handlung, der aus dem ziemlich einfach gehaltenen B-Movie- Plot ein Meisterwerk zaubert, ist die Tragik: Egal, was der Held auch macht, er muss scheitern, weil er es ist, der es macht. Indy kann nicht gegen Belloq gewinnen.

Belloq nutzt Indianas Einsatz aus, wie es auch im Prolog mit der Flucht aus dem Tempel erzählt wird. Indiana entkommt mühevoll dem Tod, nur um die Trophäe Belloq zu überreichen. Das Handlungsmuster wiederholt sich in Ägypten.

Doch Indiana hat einen letzten Kniff im Ärmel: Wenn es darauf ankommt, bei der finalen Zeremonie, verweigert er sich dem Artefakt. Er schließt die Augen, schaltet die Forscherneugier aus, die ihn erst in diese missliche Lage gebracht hat. Belloq kann sich der Neugier nicht verschließen, bei lebendigem Leib und mit offenen Augen verbrennt ihn die Bundeslade.

Entsprechend die Frage: Wenn Indy erst gar nicht angefangen hätte, zu forschen und zu ermitteln, die Bundeslade hätte niemals gefunden, die Nazis sie nie in Besitz bringen können.

Indy teilt deshalb viele Charakteristika mit typischen Film-Noir-Helden, die Figuren sind, die an sich selbst tragisch scheitern.

Indy wünschen wir am Ende des Films, dass er mehr und besser scheitern soll. Und immer mit einem Lächeln auf den Lippen.

#indianajones #drehbuch #kino #movie #plot

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Menschen und Superhelden teilen sich eine Leinwand (Promo-Bild)

An AVENGERS: ENDGAME kommt man auch als Nicht-Marvel-Fan nicht mehr vorbei. Ich wurde von dem Film angenehm überrascht. Anders als bei AVENGERS: INFINITY WAR fühlte ich mich nach drei Stunden nicht emotional und körperlich ausgelaugt.

Der Film zeigt jedem Dramaturgie-Interessenten eine Sache auf, der man eigentlich beim Entwerfen von Story-Welten in Action-Filmen größten Stellenwert einräumt – es ist aber gar nicht so wichtig:

Es ist die Glaubwürdigkeit der Action, besonders: die Nachvollziehbarkeit der Kräfteverhältnisse zwischen den Figuren.

Weiterlesen „AVENGERS: ENDGAME – wenn Menschen und Superhelden aufeinander einschlagen“

Der Beginn der Schlacht (Bild von HBO)

Eine Fantheorie zu GAME OF THRONES zu haben ist billig und macht Spaß. Ich steuere nun sehr gerne eine Idee zum Staffel- und Serienende eines der erfolgreichsten Serien der Fernsehgeschichte bei.

Was ich mir als Ende wünschen würde, wäre Folgendes (und ich schreibe dies, bevor ich die dritte Folge der achten Staffel gesehen habe):

# Ein romantisches Happy End wollen wir alle, aber brauchen wir nicht. Jon Snow und Daenerys werden sich trennen, aber in Liebe auf ewig verbunden bleiben. Die Liebe zu Daenerys (oder wie er sie nennt: Daeni) wird Jon zu einem verhängnisvollen Schritt veranlassen.

# Der Nachtkönig (Night King) bringt Mord und Chaos über Westeros. Es wäre aber eine langweilige Figur, wenn es ihr ausschließlich um Vernichtung ginge. Interessant wird jede Figur erst, wenn sie ein bestimmtes Wertesystem motiviert. Wie wäre es mit: Wenn es Drachen und Feuer in Westeros gibt, dann muss es auch Frost und Tod wieder geben? Er möchte dann eigentlich nur ein Gleichgewicht wiederherstellen. Sein Feldzug wäre unmittelbar die Konsequenz aus der Tatsache, dass es in Westeros wieder Magie gibt. Dann wäre auch Folgendes möglich:

# Wer ist der Nachtkönig? Ich denke, entgegen einer populären Theorie, Bran ist kein Nightking vor seiner Zeit. Wie wäre es stattdessen, wenn der Nightking mit den Jon Snows Familie verwandt ist, mit den Starks. Der aktuelle Nightking wird fallen, aber es braucht einen neuen Nachtkönig. Wer wurde von den Toten erweckt und ist ein Stark und hat ein Erbrecht auf den Thron: Jon Snow. Jon Snow wird am Ende zum Nachtkönig. Genial!

# Und warum wird Jon Snow zum Nachtkönig? Natürlich aus Liebe. Er muss seine Daeni retten (wegen was auch immer) und lässt sich in einem Ritual zum Nachtkönig krönen. Er zieht seine Horden in den kalten Norden zurück und Daeni wird Herrscherin des Südens. Und vielleicht überleben die Schlacht auch ein oder zwei Drachen.

So hört es sich für mich nach einer Geschichte über Feuer (Daeni) und Eis (Snow als Nachtkönig) an. Zwei Liebende, die sich niemals vereinen dürfen. Die Liebe von Feuer und Eis gründet die neue Ordnung von Westeros.

Und wenn es nicht so kommt, dann ist es auch nicht schlimm. Spaß machen die Intrigen und die Schlachten allemal.

In Slasher Filmen sollten wir niemals in den Keller steigen, um nach dem Serien-Mörder zu suchen.

In Mafia-Filmen erweist sich hingegen das Essen einer Orange als tödlich. Bei THE GODFATHER 1 wird Don auf legendäre Art und Weise über die Motorhaube seines Wagens geschossen. Kurz davor wollte er Orangen essen. Er verstirbt schließlich bei einem harmlosen Spiel im Garten – mit einem Orangen-Stück im Mund.

Bei THE GODFATHER 2 hingegen kauft sich der böse Pate in der Robert De Niro/Don Vito Timeline eine Orange bevor er im dunklen Treppenhaus über den Haufen geschossen wird.

Als Don Michael den Mord an seinem Don-Konkurrenten plant, isst er eine Orange.

Aber vielleicht ist der Grund für die Verwendung der Orange als Mord-Symbol ein anderer, ein reines Oberflächenphänomen.

Tony Soprano und Neffe
Familienbande mit Karriereoption (Bild von HBO)

Die Mafia wurde ein eigenes Film-Genre spätestens mit Puzos/Coppolas GODFATHER – eine Machtstruktur, die selbst zum Bewegtbild geworden ist. THE SOPRANOS tritt das Erbe an, das Mafia-Genre zu zitieren und elegant ins einundzwanzigste Jahrhundert zu führen.

Das geschieht in der zweiten Staffel der Mafia-Serie nicht weniger als durch einen genialen Zaubertrick.

Der Trick besteht darin, die Blaupause für den Figurenkonflikt der Staffel elegant zu verstecken.

+++ Spoiler für Staffel zwei von THE SOPRANOS folgen +++

Weiterlesen „Der Zaubertrick – SOPRANOS, 2. Staffel“
Der Anwalt Falk schaut, wie Anwälte nun mal gucken (Promobild der Serie)

Beim Schreiben denken wir uns Geschichten aus, bauen Beat für Beat eine Abfolge an Momenten, die sich bestenfalls bedingen oder zumindest in Beziehung stehen. Das ist der eine Teil des Jobs.

Der andere ist aber auch, dass wir uns beim Schreiben überlegen müssen, ob eine Szene visuell funktioniert. Die Szene kann auf dem Papier originell, überraschend, spannend wirken, neugierig machen oder lustig sein. Jedoch scheitert sie schon als dramatische Einheit, wenn sie visuell nicht überzeugt.

Das beste Beispiel, wie man es nicht machen sollte, liefert mir gerade der Beginn der Serie FALK. Eine ARD-Serie, die gerade auch auf Netflix läuft.

Die erste Szene jeder Serie ist mitunter die bedeutsamste. Wir begegnen der Figur, der wir unsere Lebenszeit schenken sollen, zum ersten Mal. Die Figur soll uns mit ihrer Exzentrik, ihrem Genie, ihrem Humor, ihrem Charakter usw. umhauen.

Eine Serie hat viel mit Liebe auf den ersten Blick zu tun.

FALK beginnt mit der gleichnamigen Hauptfigur in einem Hotelzimmer beim Ankleiden. Dann bringt die Serie eine gute Minute Screentime dafür auf, dem Herren beim Grübeln und Knobeln zuzugucken: Er muss sich an eine Kombination erinnern und einen Aktenkoffer öffnen.

Das ist alles. Das klingt in der Nacherzählung ziemlich banal.

Und es sieht noch schlimmer aus.

Es langweilt.

Ich finde diese Szene paradigmatisch für ein gewisses Problem, das mir bei Drehbuchautoren im Gespräch oft begegnet: Eine Szene kann noch so toll konstruiert und „handwerklich schlüssig“ sein, sie muss zuerst visuell überzeugen.

Wie sieht die Szene als Film aus? Hier entscheidet nicht der Logos, die Ratio des Szenenaufbaus. Sondern der Geschmack des Autoren.

Viele Autoren legen auf diese Tatsache keinen Wert oder denken, die visuelle Attraktivität zu erzeugen sei Aufgabe des Regisseurs.

Irrtum. Die Aufgabe stellt sich zuerst dem Drehbuchautor.

Was kann man hier konkret machen? – Beim Drehbuch-Schreiben sollten wir uns klarmachen, dass das Buch zuerst nur eine Vorlage ist. Eine Anleitung für das Setzen von Licht, den Einsatz von Ton und das Aufstellen von Schauspielern.

Die Arbeit der Inszenierung fängt beim Schreiben an. Wir schreiben so lange an einer Szene herum, bis sie unser geistiges Auge fesselt. Erst dann ist die Szene wirklich gelungen.

THE GOOD FIGHT (Foto: Joe Pugliese/CBS)

Wie macht man Alltäglich-Banales spannend? Oder zumindest: ansprechend? Procedurals nehmen sich hierbei große Freiheiten heraus, immerhin spielen sie immer in alltäglichen Milieus: Anwaltskanzleien, Krankenhäusern, Polizeiwachen usw. So auch THE GOOD FIGHT.

Im amerikanischen Rechtssystem gibt es Boten, die Vorladungen zum Gericht den Betroffenen persönlich überbringen. THE GOOD FIGHT (in der siebenten Folge der ersten Staffel) macht aus dieser banalen Szene ansprechende, lustige und anregende Unterhaltung. Wie das?

Der Bote erwischt die Charaktere immer in ihren „Charakter-Momenten“, in besonderen Szenen, die uns die Figur näher bringen. Gleichzeitig wird das Überbringen der Nachricht, des Subpoena, lustig dargestellt: Ein Fremder platzt in einen intimen Kreis hinein, sitzt überraschend auch im Raum, beherrscht mehrere Fremdsprachen… Alles nur kleine Details, die aus einer alltäglichen Szene viel Unterhaltung rausholen.

#tvshow #dramaturgie #drehbuch #procedurals

Loriots Kunstpfeifer

Der Kunstpfeifer (externer Link auf YouTube)

Loriot gehört zu den Klassikern – der Mensch ebenso wie sein Werk. Als ich Loriots KUNSTPFEIFER seit langer Zeit wieder einmal gesehen habe, fiel mir auf, wie klar und einfach (als Gegensatz von: unnötig kompliziert) der Sketch gestaltet ist. Der Sketch dauert zwei Minuten und vierzig Sekunden – und in dieser Zeit finden sich gängige universelle Gestaltungselemente einer Art von Dramaturgie, die auch bei Filmen Verwendung findet.

Der Konflikt: Kurz nach der Einführung geht es einzig um die Frage, ob der Kunstpfeifer den ungläubigen Moderator von seiner Pfeifkunst wird überzeugen können. Der Moderator meldet Zweifel an, wird aber am Ende umgestimmt. Der Konflikt steigert sich, bis der Moderator sich vorlehnt, den Pfeifer bedrängt. Der Konflikt endet mit der Klimax: Der Moderator pfeift selber, wird aber zurecht gewiesen, der Kunstpfeifer demonstriert seine Kunst.

Der Sketch gründet sich auf einer einfachen Prämisse: Der Moderator glaubt dem Pfeifer nicht. Die Unterbrechung wird deutlich gemacht durch eine Wiederholung: Der Pfeifer spricht zweimal und beide Male dasselbe. Beim zweiten Mal jedoch wird er vom Moderator unterbrochen – ein Zeichen für den Sinneswandel des Moderators.

Zuletzt gründet sich der Erfolg und Großartigkeit der zwei Minuten und vierzig Sekunden auf der Tatsache, wie gut nachvollziehbar und plausibel der aufkommende Zweifel, die Konfrontation und die Auflösung durch (pfeifende) Überzeugung gezeichnet wurden.

Die Komik hingegen fußt auf einer anderen Konstante: Der Tatsache, dass sich der (Fernseh-)Zuschauer gerne den Charakteren überlegen fühlt. Einen schlechten Pfeifer als Könner und das Pfeifen überhaupt als Kunst anzuerkennen, mutet einfach absurd an.

#dramaturgie #loriot

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